Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
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231 gemeinen Lehramt als göttlich geoffenbart vorgelegt wird“1. Dieser Satz gewährt in der Tat die deutliche und genaue Bestimmung des Dogmas. Folgende Merkmale werden ihm als wesentliche zuerkannt: Zunächst, daß es einen Offenbarungsinhalt darbietet, sei es, daß dieser einer inspirierten Schrift oder einer inspirierten Tradition entnommen ist. Des weiteren, daß eine ordnungsmäßige Entschließung der Kirche, eine propositio ecclesiae, vorliegt, daß also die zur Ent- Scheidung und Verpflichtung befugte Autorität dahinter steht; zu der revelatio muß die propositio hinzutreten. Und endlich, was die propositio ja in sich schließt, daß der Satz seine präzise begriffliche Form hat. Im großen und ganzen die gleiche Definition gibt die protestantische Theologie. So H. H. Wendt in seinem ,,System der christlichen Lehre“: ,,Der Begriff ,,Dogma“ in seinem strengen Sinne bezeichnet einen zum christlichen Glauben gehörigen, begrifflich ausgeprägten, in der kirchlichen Gemeinschaft zu autoritativer Geltung erhobenen Lehrsatz“.2 So Rade in seiner ,,Glaubenslehre“: ,,Ein Lehrsatz, hinter dem obrigkeitliche Gewalt steht. Gleichviel ob von staatlicher oder kirchlicher Obrigkeit. Dies allein ist der Vollbegriff des Dogmas“.3 Aehnlich auch Troeltsch. Er nennt Dogma ״die Lehrsatzungen, welche die Kirche in ihren großen Lehr- Kundgebungen seit dem nizänischen Konzil offiziell formuliert hat, zugleich auch die nur in Ueberlieferungen und Gemeingeist enthaltenen allgemein anerkannten Lehrstücke“4. Er fügt demgemäß dann auch hinzu: ״Der alte Protestantismus hat in diesem Sinn kein Dogma, da er nicht auf Konzilien und auf Tradition zurückgeht, .auch keine unfehlbare Instanz zur Fixierung besitzt“5. Aehnlich, nur indem er vorerst auf die begriffliche Ausprägung den Nachdruck 1 Vatikanisches Konzil, Sess. III. c. 3: Fide divina et catholica ea omnia credendasunt, quae in verboDei scripto vel tradito continentur, et ab Ecclesia .sive solemni judicio sive ordinario et universali magisterio tanquam divinitus revelata proponuntur. 2 H. H. Wendt, System der christlichen Lehre (1907), S. 13. Aehnlich Matthew Arnold, Literature and Dogma (angeführt von L. Binstock, a. a. O., S. 250) : ״Dogma means not necessarily a true doctrine but merely a doctrine or System of doctrine determined; decreed; received.“ 3 Martin Rade, Glaubenslehre I (1924), S. 4. Vergl. ebenda, S. 9. Vergl. auch schon Baur, Geschichte der christlichen Kirche II 2 (1863), S. 217: ״Hat der Streit diese Wendung genommen, so tritt die siegende Partei in der Form einer allgemeinen Synode zusammen und erhebt ihre Meinung zu einem Beschluß der katholischen Kirche. Die Kirche ist es also, welche die letzte und höchste Entscheidung gibt; in ihr liegt daher auch das Prinzip der Wahrheit, was sie für wahr erklärt, muß allgemein als Wahrheit anerkannt werden.‘י 4 Diese letzteren bezeichnet Troeltsch in den ,,Soziallehren der Christlicken Kirchen und Gruppen“ (1912), S. 209, genauer als ״latente Dogmen“; •er versteht darunter Lehrsätze, bei denen alle Voraussetzungen ihrer offiziellen Formulierung und Proklamierung vorhanden waren, die aber noch nicht promulgiert sind. 5 Troeltsch in ״Religion in Geschichte und Gegenwart“ II (1910), S. 105. Vergl. Soziallehren, S. 172: ״Durch die Theokratie hat sie —sc. die Kirche — Einheit des Dogmas und Einheit des Kirchenrechts erst erlangt, die ohne Konstantin nie gekommen wäre und von der Gewalt des Staates, nicht von der immanenten Logik der dogmatischen Idee erzwungen worden ist.“ .