Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
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230 ist gerade mit neuen, die ganze Gedanken- und Empfindungswelt umgestaltenden Ideen in die Geschichte eingetreten/' Jedoch an der Abweisung der Dogmen hält er fest: ,,Es ist nicht zur dogmatischen Fixierung irgend eines Glaubenssatzes gekommen. ..... Die Lehre ist als Idee vorhanden, aber eben nicht als Dogma1״״. Es ist charakteristisch, daß er, der als einziger eine Begriffsbestimmung des Dogmas gegeben hatte, auch der einzige in dieser ganzen Reihe ist, der das Judentum als Religion ohne Dogma versteht. Aber was ist nun das Dogma? In seinem ursprünglichen Gebrauch, im Griechischen und Lateinischen, hat es die Bedeutung: Verordnung, Dekret. So wird es, im politischen Sinne, für behördliche Verfügungen angewendet—in der griechischen Bibel ist es so dieUeber- Setzung der mannigfachen Ausdrücke für die Erlasse der Könige von Babylon und Persien2; das Evangelium und die Apostelgeschichte sprechen von dem ,,Dogma״״ des Kaisers — und ebenso dann auch, in der Sprache der Philosophie, für die Axiome, die Grundsätze, die gewissermaßen die Dekrete der Erkenntnis sind; so spricht Cicero von ,,den Dekreten der Weisheit, welche die Philosophen Dogmen nennen3.״״ Als die antike Philosophie das Christentum aufnahm, zur Philosophie des Christentums wurde, nannte sie dessen Glaubenssätze darum auch Dogmen, coelestis philosophiae dogmata4, und unterschied diese Dogmen von den ethischen Sätzen; Gregor von Nyssa z. B. stellt einander gegenüber rb pipoq und t7]v to>v doypdrcüv äxptßeiau5. Im Mittelalter tritt danach das Wort, wenn es auch gebraucht wird, in der wissenschaftlichen Verwendung zurück. Erst die Theologie der letzten Jahrhunderte hat es wieder aufgenommen und ihm seine bestimmte, spezifische Bedeutung gegeben6. Eine abschließende Definition des Begriffes hat die katholische Kirche, die ja das eigentliche Gebiet des Dogmas ist, auf ihrem letzten Konzil festgestellt: ,,Mit göttlichem und katholischem Glauben ist alles das zu glauben״״ — d.h. der von Gott gebotene und von der Kirche gelehrte Glaube fordert, alles das zu glauben — ,,was im geschriebenen oder überlieferten Worte Gottes enthalten ist und von der Kirche, sei es in feierlicher Entscheidung oder im gewöhnlichen und all- 1 a. a. O. 7 f and 9 f. Zur Ablehnung der Dogmen im Judentum gelangen auch in wertvollen Darlegungen Schreiner. Die jüngsten Urteile über das Judentum (1902), S. 68 f und Felix Perles ״ Boussets Religion des Judentums44 (1903), S. 115 ff. 2 So Dan 213, 3l0J 312 und passim; vergl. Aquila zu Deut 332 und Symmachus zu Hab 17. 3 Cicero, Acad. Quaest. 2,27: Sapientia neque de se ipsa disputare debet neque de suis decretis, quae philosophi vocant dogmata, quorum nullum sine scelere prodi potest. I. Heinemann weist mich auf den Sprachgebrauch Phiions hin, der das Wort ebenso gern von falschen wie von richtigen Sätzen gebrauche, vgl. Leisegangs Index; seine Aus drucks weise entspreche natürlich derjenigen seiner griechischen Stilmuster. 4 Vincentius von Lerinum, commonitorium 29. Cf. Diognetbrief 5,3: avOpouavov. 5 ep. 24. 6 Karl Hase, Hütterus redivivus2 18 f; P. Lobstein, Einleitung in die evangel. Dogmatik, S. 7 ff.