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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 4 · p. Seite 229

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 4
Article
Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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229 rechtsverbindlicher Kraft vertretenden V e r - Sammlung feierlich als ewige, unverbrüchliche Wahrheit v e rkündet worden, deren Verleugnung oder Anzweiflung den, welcher sie in Abrede stellt, außer dem Schoße der kirchlichen Gemeinschaft versetzt. Eine solche feierliche Uebereinkunft hat im Judentum nicht Statt gefunden. Wohl sind zu allen Zeiten Sätze als so unzweifelhafte Fundamente des Judentums betrachtet worden, daß man einen jeden, der sie anzweifelte, als einen Khofer ba־'ikkar, als einen ,,Leugner an Grund und Wurzel“ bezeichnete, und der Bann, der gegen solche Männer ausgesprochen wurde, war eine Ausschlußerklärung. Allein das Judentum ging in der Feststellung der Sätze wie in der Verfolgung nicht weiter, und zwar nicht etwa, weil es ,,Gedankenfreiheit gewährte“, sondern weil es zu machtlos war“1. Zu demselben Schluß kommt er dann2 in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit Joels Schrift ,,Zur Orientierung in der Cultusfrage“. Joel hatte mit Bezug auf die Frage, welche Stücke des Gebetbuches ,,der Ausdruck dogmatischer Vorstellungen sind“, erklärt: ״Cultus fragen sind immer nur sekundärer Art. Wo Cultus fragen vorliegen, da müssen ihnen dogmatische Fragen vorangegangen sein, imd nicht bloß dogmatische Fragen, sondern genau genommen schon dogmatische L ö s u n g e n“3. Demgemäß kam er für das Judentum zu dem Grundsatz: ,,Jede positive Religion hat gewisse Dogmen, die ihr als feststehend gelten und mit deren Leugnung das Mitglied derselben aufhört, sich zu ihr zu bekennen. Der Satz, daß das Judentum keine Dogmen habe, ist, so unbestimmt gelassen, wie er meist gelassen wird, sicherlich ein unüberlegter. Ohne irgend ein Dogma kann doch wohl keine positive Religion zustande kommen. . . . . . Höchstens läßt sich sagen, daß es — allerdings zum Heile für das Judentum — zu keiner Zeit zu einer von allen als endgültig anerkannten dogmatischen Fixierung aller Glaubenssätze gekommen.“4 Geiger wendet sich besonders gegen diesen letzten Satz: ,,Also — Dogmen ohne dogmatische Fixierung, Begriffe ohne begriffliche Bestimmtheit, das heißt eben — Nichts.“5 6 Punkt für Punkt sucht er dann Joels Ausführungen zu widerlegen. Mendelssohns Lehre lehnt auch er allerdings auf das entschiedenste ab: ,,Es war freilich ein unglücklicher Gedanke Mendelssohns, daß er den Satz aufstellte, das Judentum enthalte keine Lehrwahrheiten, sondern lediglich Gesetze, Satzungen.Das war ein Todesurteil für das Judentum, das er zu einem Knochengerüste ohne belebende Seele erklärte. Aber es war zugleich eine grundfalsche Auffassung; denn das Judentum 1 Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Lehen I (1862), S. 278 f. 8 Jüd. Zeitschr. VII (1869), S. 2 ff. 3 M. Joel, Zur Orientierung in der Cultusfrage (1869), S. 9 und 13. 4 a. a. O., S. 10. Eine ähnliche Anschauung s. bei Steinthal, Die Idee der Weltschöpfung, Jahrb. f. jüd. Gesch. u. Lit. II, 43 Ueber Juden und Judentum, S. 128: ,,Man hat. gefragt, ob die Religion Israels Dogmen habe. Wenn sie Lehrsätze hat, wenn sie nicht inhaltlos ist, so muß sie wohl Dogmen haben, und die Schöpfungsidee ist ein solches Dogma. Was aber die Religion Israels nicht verlangt, ist die Fixierung des Dogmas in Buchstaben 7 6 Jüd. Zeitschr. VII, 7.

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