Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Besitzt das überlieferte Judentum Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
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228 schichtlichen Seite hin behandelt nnd wichtiges Material hierfür beibringt. Er führt auch den Begriff der ,,liturgisch sanktionierten Dogmen“ ein, d. i. ,,solcher Dogmen, welchen in der Liturgie ein Platz eingeräumt ist, und die solchergestalt dem religiösen Glauben •der Synagoge einen prägnanten Ausdruck verleihen“* 1. Angesichts der Tatsache eines reformierten Gebetbuches ist er dann auch so konsequent von einem zwiefachen jüdischen Dogma, einem orthodoxen und einem reformierten, zu sprechen, und er kommt zu dem Ergebnis: ,,Wie die orthodoxe Liturgie eine treue Dolmetscherin der orthodoxen Dogmen ist, so ist die reformierte Liturgie eine treue Dolmetscherin der Dogmen der Reformation. Beide Liturgien protestieren laut und feierlich gegen die Doktrin der Dogmenlosigkeit“2. In den Ausführungen dieser drei Männer, besonders Löws, ist im wesentlichen alles bereits enthalten, was seitdem gegen die Dogmenlosigkeit des J udentums gesagt worden ist3. Für sie war der Widersprach gegen Mendelssohn ein Stück des Kampfes für ihre Reform; sie wollten ihre Reform durch die Glaubensartikel verbürgen. . Der einzige aus diesem Kreise, der in der Frage der Dogmen eine andere Stellung einnahm, war Abraham Geiger. Er hatte, bevor Löw seinen Aufsatz über ,,Jüdische Dogmen“ schrieb — Löw nimmt bezeichnenderweise darauf nicht Bezug — seinen Standpunkt dargelegt. Zunächst in einem kurzen Aufsatz über ,,Jüdische Philosophie“; er geht hier als erster auch von einer Definition des Dogmas aus. Er erklärt: ,,Das Judentum hat nämlich keineDogmen, d.h. es hat keine Glaubenssätze, die von einer die Gesamtheit mit lehren der Religion Israels“ Ben Chananja I, 49 ff Ges. Sehr. I, 31 ff. den gleichen Standpunkt vertreten. Vergl. auch Löw 1855) המפתח), S. 330 f. 1 a. a. O., S. 171 f.; der Ausdruck stammt allerdings von dem nicht genannten Theologen, gegen den Löw polemisiert. Vgl. auch schon M. Joel, Zur Orientierung in der Gultusfrage, S. 9 ff. 2 a. a. O., S. 174. — Als besonders charakteristisch dafür, wie an die Stelle der Bindung durch das Gesetz die Bindung durch Glaubensartikel treten soll, seien einige Sätze aus einem, allerdings mit Widerspruch aufgenommenen, Referat von L. Binstock auf der letzten Central Conference of American Rabbis angeführt: L. Binstock ,,Dogma and Judaism“ in Centr. Conf. of Am. Rabbis Yearbook XXXV (1925) p. 261: ,,And what the Pharisees did with Halachas in their day, we Reform Jews must do with dogmas in our day. If we would preserve Iudaism in all its nobility and purity, we must have Halachas or dogmas that shall be definite and'clear so that not only all Israel but all people shall know what we think and believe — dogmas that shall be issued by an authorized representative body and shall not be subject to change except by that body — dogmas that shall be mandatory upon all members of our progressive faith, upon rabbis as well as laymen, .... dogmas that shall regulate uniformly and universally the religious belief and practice of every rabbi and layman in Reform Iudaism.“ 3 Als besonders wertvoll und reich an historischem Material ist der Aufsatz von Schechter zu nennen: ״The dogmas of Judaism“ in seinen Studies in Judaism (1896) 1,179 ff. Erschließt mit den Worten: ״Itistrue that every great religion is ״a concentration of many ideas and ideals“, which make this religion able to adapt itself to vario*us modes of thinking and living. Buf tliere must always be a point round which all these ideas concentrate themseives. This centre is Dogma.“ Vergl. auch Jakob Guttmann, Ueber Dogmenbildung im Judentum (1894), der auch die Frage im wesentlichen historisch behandelt, und Maybaum, Methodik des jüdischen Religionsunterrichts (1896), S. 41 ff. .