Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Terminologie und Geschichte der jüdischen Alchemie
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 84% known words query
- IRI
…/2829132-2829935-2829939-2833253--46892-2833328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
200 nicht schwierig; ,,lixivium“ ist hier nicht — wie bei Geber, wo Darmstaedter es im Glossar S. 190 richtig mit ״Lauge“ übersetzt1 — eine Lauge, denn aus Lauge entsteht nie ,,post fulmina“ ein Essig {acetum), sondern der sog. ״Vorlauf des Weines“, ״musturn sponte deflüens, protropum, vinum primarium lixivium“2, der zuckerreiche, schwer vergährende, vor der Pressung von selbst aus den Trauben fließende Saft (griech. npoxponov oder yXauxoz). So wie erfahrungsgemäß durch die bei Gewittern stark ozonisierte Luft Milch sauer wird und gerinnt, beobachtete man oder glaubte man ״Umschlagen“, d. h. Sauerwerden (Essiggährung) von Most nach starken Wettern zu beobachten. Dieses acetum post fulmina ex lixivio. (seil, ortum, conversum oder dergleichen) — d. h. der unter der Einwirkung von Himmelsfeuer gewonnene — galt als besonders wirkungskräftiger Essig, als besonders starke Säure, von der man meinte, sie würde alle Metalle angreifen und daher die Extraktion (und weiterhin Mischung) ihrer sulphura (Schwefelgehalte) ermöglichen. Der Satz bedeutet also ״denn die Schwefelelemente von Gold -f Eisen, deren Extraktion von vielen gelehrt wird und leicht von statten geht, ferner die Schwefelgehalte von Gold + Eisen -f־ Kupfer, ferner von Gold + Eisen -f־ Kupfer -f- Antimon, welche vermittels des nach Blitzschlägen aus Weinvorlauf entstandenen Essigs gewonnen werden, färben das Silber, nachdem man sie mit Hilfe flüssigen Quecksilbers in ein rotes Oel verwandelt hat.“ Die Hoffnung, daß dieser Blitzessig als ein stärkstes Lösungsmittel, als die gesuchte aqua regia (königliches, alles überwindendes Scheidewasser) alle Metalle angreifen würde, beweist, daß dem Verfasser des Es Mesaref die wahre aqua regia, das richtige Scheidewasser, d. h. die Mineralsäuren, die in Italien seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hergestellt wurden und die ״Geber“ genau kennt, noch ganz unbekannt sind. Das allein schließt schon die Datierung des Buches in die Renaissancezeit so ziemlich aus, es wäre denn, man wollte den Verfasser nicht für einen ״gelehrten italienischen Juden des 16. Jahrhunderts“, sondern für einen im eigenen Fach ungewöhnlich unwissenden, um 500 Jahre hinter seiner Zeit zurückgebliebenen Einfaltspinsel halten. Ein ״gelehrter“ italienischer Jude des 16. Jahrhunderts kann auch schwerlich mehr an die u. a. von Leonardo da Vinci (Lippmann 505) mit schlagenden Gründen widerlegte Hypothese glauben, daß alle Metalle Verbindungen von Schwefel und Quecksilber seien. Ueberhaupt war in Italien in der Renaissancezeit — im Gegensatz zum Norden! — die Alchemie vollkommener V e r ־ achtung verfallen, und es gibt keinen triftigen Grund zu der Annahme, daß sich italienische Juden diesem Fortschritt der Erkenntnis verschlossen hätten. Zur Zeit des Khaliphats von Cordöva und im alphonsinischen Toledo konnte man — wie die ״G$ber“- 1 Im klassischen Latein ist lix die Lauge, lixum klares Wasser, elixum e liquore aquae dictum“ (Varro 1, lat. 5, 109), liximus ״wässerig“. •Hiervon ״lixivium“ — ״Lösungsmittel“. Elixier gehört nicht hierher, sondern ist arabisch el iJcsir — xo £7jptov, das Eingedampfte, ״der Trocken“rückstand. 2 Vgl. Plinius n. h. XIV, II (9), 4: F. v. Bass.ermann• Jordan , -Gesch. des Weinbaues 319, 3145. Eisler, Orphisch-Dionysische Mysteriengedanken, Vortr. d- Bibi. :Warburg. 1922/23, Leipzig 1925, S. 226.,._