Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zu S. Dubnows Geschichtswerk
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
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153 zäunung“ oder die Befestigung der nationalen Einheit und der daraus entspringende religiöse Formalismus — all dies mußte Menschen von der Art Jesu, Menschen des persönlichen Glaubens und der persönliehen Moral zu tiefst empören“. (S. 538 f.) Das ist alles ganz konsequent gedacht, hält nur leider den Quellen nicht stand. Denn die Evangelien bestätigen״ ausdrücklich, daß Jesus seine Sendung nicht dahin auffaßte, daß er die Lehre Mosis aufheben sollte, — daß er von den Pharisäern selbst sagte, daß man alles, was sie vorschrieben, tun und halten sollte, daß er ferner sich ganz und gar in der nationalen Anschauungsweise bewegte und von einer Einwirkung’auf die Heidenweit nichts wissen wollte. Es ist ferner unverständlich, daß der völlig ,,unpolitische" Jesus sich dazu verleiten ließ, so hochpolitische Bezeichnungen wie Messias oder König der Juden auf sich anzuwenden, und daß die Römer von dem Manne, der den Zeloten entgegentrat, solche Gefahr fürchteten. Auch der Begriff ,,Gottesreich" scheint nicht richtig erfaßt zu sein, wie sich aus folgenden Sätzen ergibt: ,,Für das Volk aber, für die geschichtlich gewordene und um seine nationale Existenz ringende kollektive Individualität war es notwendig, daß das ,,Gottesreich“ sich in einer ganzen Reihe äußerer Normen und Gesetze, die die einzelnen Teile des Volksorganismus zu einer Einheit zusammenschweißten, kund tue. Diese äußere Inkarnation des ,,Gottesreiches“ in der Form der national-religiösen Zucht hielten die Pharisäer für das Judentum in der Zeit des durch die römische Herrschaft herbeigeführten Niederganges der nationalpolitischen Zucht für besonders unentbehrlich“ (S. 542). Es widerspricht auch dieser ganzen Konstruktion, daß der Bruch mit dem Judentum nicht zur Zeit Jesu oder seiner ersten Jünger erfolgte, sondern erst durch die Lehre vom Gottmenschen herbeigeführt wurde (S. 389). Wir brauchen mit diesen grundsätzlichen Bedenken um so weniger zurückzuhalten, als der Verfasser in seiner langen ruhmvollen Laufbahn niemals hartnäckig auf seine Anschauung eingeschworen, sondern stets geneigt war, berechtigte Einwendungen in Erwägung zu ziehen. In ״der Einleitung hat er das Bekenntnis abgelegt, wie ernst er an der Gewinnung seines Standpunktes gearbeitet, welchen Wandlungen er seine Anschauungen unterzogen hat. Einem so einzigartigen Phänomen wie das jüdische Volk nun einmal ist, in seiner ganzen langen Geschichte mit einer einzigen Formel gerecht werden zu wollen, heißt die Quadratur des Zirkels lösen; sie hat den Vorzug der Konsequenz, scheitert aber an den Tatsachen. So wird man Dubnows grandiosem Bau seine Anerkennung zollen, wenn man auch an der Auffassung mancherlei auszusetzen hat. Der neuen allgemeinen Auffassung entspricht eine neue Periodisierung der Geschichte. Die gewohnte Einteilung der jüdischen Geschichte nach literarischen Epochen, die z. B. Graetz im großen und ganzen beibehalten hat, folgt dem vom Seder Olam und vom Sefer Hakabbala angedeuteten Schema. Sie ist sicher nicht einwandfrei; D. ist nicht im Unrecht, wenn er schreibt, ,,die Einteilung der Geschichte des Volkes in Perioden und Epochen hat sich nach national-gesellschaftlichen, nicht aber nach religiösen oder literaturgeschichtlichen Gesichtspunkten zu richten“ (S. XXIII) — aber