Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zu S. Dubnows Geschichtswerk
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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148 dem Geistigen, sondern auch auf dem Gebiete des sozialen Lebens überhaupt war. Sowohl in der staatlichen als auch in der staatlosen Periode seiner Geschichte tritt das Judentum mit dem stark ausgeprägten Charakter einer Nation, nicht nur als eine religiöse Gemeinschaft unter anderen Nationen auf. Diese stets lebenskräftige Nation kämpfte immer und überall für ihr autonomes Dasein sowohl in ihrer sozialen Lebenssphäre als auch auf allen anderen Gebieten des Kulturschaffens. Die noch zur Zeit des Bestehens des jüdischen Staates zu hoher Entwicklung gelangte Diaspora besaß überall ihre autonomen Gemeinden und später auch zentrale Selbstverwaltungsorgane, ihre eigenen gesetzgebenden und gerichtlichen Institutionen' * (I, S. XV). Hier werden Begriffe gleichgesetzt, die nicht identisch sind, es wird in die antiken Schläuche neuer Wein gegossen. Zugegeben selbst, daß die einzelnen jüdischen Gemeinden der Diaspora autonom waren, so ist damit noch nicht bedingt, was man heute unter ״jüdischer Autonomie“ versteht. Geschichtlich betrachtet liegen die Dinge doch so, daß innerhalb des Imperium Romanum wohl die Einzelgemeinden Autonomie hatten, aber nicht die Judenheit als Ganzes, während in Mesopotamien umgekehrt die Judenheit als solche wohl eine Autonomie besaß, aber nicht die einzelne Gemeinde. Die Auffassung des Altertums und der Gegenwart von diesen Fragen ist so verschieden, daß man besser tut, hier nicht die Begriffe ohne weiteres zu übertragen. Auch nicht den der Nationalität, wie es Dubnow in weitestem Ausmaß tut. ״Der Gegenstand einer wissenschaftlichen Geschichts- Schreibung ist eben das Volk, die nationale Individualität, ihre Entstehung, ihr Wachstum und ihr Kampf ums DaseinN Diesem Satz (I, S. XVI) könnte man zustimmen, wenn nicht der Zusatz folgte ,,der Judaismus formt sich nach dem Ebenbildc der sozialen Existenzbedingungen der Nation, nicht aber umgekehrt“ (S. XVII). Schon der häufig gebrauchte Terminus ״Judaismus“ ist eine Bezeichnung für etwas, was man nicht so recht greifen und auslegen kann1, eine Folge der stark übertriebenen Anwendung des Begriffes Nation. Wir wissen freilich aus des Verfassers ״Neuester Geschichte des jüdischen Volkes“ (III, 374), daß er Vorkämpfer des ״geistigen Nationalismus“ ist; aber ebenso wie er dort geistigen Nationalismus mit Autonomismus gleichsetzt, wird in den jetzigen Bänden der Geschichte dem Begriff ein sehr weitgehender Inhalt gegeben. Selbst die Makkabäerkämpfe werden auf das rein nationale Gebiet zurückgeführt. ״Es bildet sich in Jerusalem eine starke Partei der Hellenisten, der Parteigänger der Assimilation. Die Lebensführung der Neuerer widerspricht jedoch dem Geiste des Judaismus und ruft die Empörung der treu zum Volkstum haltenden Chassidäer hervor“ (II, 15 f.). Aehnlich heißt es später S. 56: ״Die Zahl derer, die sich freiwillig von der jüdischen Religion und Nationalität lossagten, war nur sehr gering“, freilich steht gleich im nächsten Satz: ״In den meisten Fällen war der Glaubensabfall nur eine Folge der Nötigung und der fürchterlichen Drohung“ und S. 122 heißen die Chassidäer ״die 1 Das Neueste auf diesem Gebiete ist die in Barlin jetzt viel propagierte ״Philosophie des Hebraismus“.