Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zu S. Dubnows Geschichtswerk
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 Volkes im Rahmen der Weltgeschichte verstehen, so bedingt das, namentlich für die älteste Zeit, das Eindringen in vielsprachige Urkunden, die durch die fortgesetzten Ausgrabungen im Orient fast täglich wachsen und dem Historiker neue Rätsel aufgeben1, bedingt das Stellungnahme zu zahlreichen Hypothesen, die bei der Dürftigkeit der Ueberlieferung unabweisbar sind. So verdienstlich es ist, daß Dubnow als erster Jude den reichen Ertrag der altorientalischen Ausgrabungen in eine große Geschichtsdarstellung aufgenommen hat, so sehr vermißt man vom Standpunkt des Forschers aus klare, scharfe Entscheidungen. Das ist die schwache Seite des Werkes, daß es zu viel Nachdruck auf die Synthese und zu wenig auf die Analyse der Quellen legt; die Freude am schmückenden Beiwort, an geistreichen Gegenüberstellungen beeinträchtigt vielfach die Bestimmtheit des Ausdrucks, die scharfe Umrissenheit der Anschauung. Der kritische Apparat ist nicht ausreichend, die wenigen ״Ergänzungen und Exkurse " im Anhang sind zu allgemein gehalten und zu wenig greifbar, sie referieren mehr über einen Tatbestand oder eine Hypothese, sie enthalten mehr methodologische Auseinandersetzungen als das wirkliche Für und Wider in der Auslegung der Quellen. Derartiges kommt ausnahmsweise z. B. in der Auseinandersetzung über den Damascenischen ״Neuen Bund" (Bd. 2, 577 ff.) zur Geltung, hingegen vermißt man bei anderen wichtigen Problemen diese klare Stellungnahme. Aus der Darstellung ist z. B. ganz deutlich ersichtlich, daß der Verfasser auf dem Boden der modernen kritischen Bibelwissenschaft steht, weniger vielleicht aus den Darlegungen über ״die Urquellen der Bibel" in § 50 als aus der vorhergegangenen Geschichtserzählung. Kommt man aber im Anhang 6 (Bd. 1, S. 466—470) zu der Auseinandersetzung über ״die Zusammensetzung der Thora und der Geschichtsbücher", so findet man zwar eine Angabe der gegenwärtig weit verbreiteten Hypothesen, aber auch eine scharfe Ablehnung. ״Alle diese überfeinen Unterscheidungen in den Texten mögen wohl als Arbeitshypothesen nutzbringend sein, indem sie die Möglichkeit an die Hand geben, die Zusammensetzung der alten Quellen haarscharf zu prüfen; sie sind jedoch durchaus abträglich, wenn sie ohne weiteres als literaturgeschichtliche Tatsachen hingestellt werden. Jede allzu einseitig und schroff durchgeführte Hypothese führt letzten Endes ad absurdum. Eine auf die Spitze getriebene Zerbröckelung des Bibeltextes muß schließlich seine Verstümmelung zur Folge haben, zumal gar keine Sicherheit vorhanden ist, daß die anatomische Sezierung dieses lebendigen literarischen Organismus in zutreffender Weise gehandhabt wird. Aus diesem Grunde sahen wir uns in unserer Darstellung veranlaßt, alle willkürlichen Schlußfolgerungen aus der Fragmentenhypothese beiseite zu lassen und nur das Grundprinzip hervorzuheben, wonach in dem aus verschiedenartigen Elementen zusammengesetzten biblischen Schriften vier verschiedene Quellen oder vier Rezensionen grundsätzlich, nicht aber bis in die letzten 1 Beispielsweise sei an die von Gadd entdeckte neubabylonische Chronik erinnert, die Josias’ Politik gegenüber Aegypten und die ganze Zeit bis zur Zerstörung Jerusalems in neuem Licht erscheinen läßt. Vgl. J. Lewy, Forschungen zur alten Geschichte Vorderasiens, 1924.