Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 12)
- Language
- German
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86 sehen Gemeinwesen, an dessen Spitze der Vogt stand. 1517 wird als solcher Mordechai genannt. Die Synagoge hieß Kenassah. 1576 erlaubte der Woyewode den Bau eines ,,Medras“, einer Schule. 1589 ga£> es einen Vogt Aron Szolomowicz und 1582 einen namens Alexander Isakowicz. Die rabbanitische Gemeinde war damals die unbedeutendere. In dem Prozeß von 1646 gegen die Rabbaniten (wegen Handelsstörungen) gab der König den Karäern recht. Sie litten gleichfalls 1655 im Schwedenkriege, erstarkten aber alsdann durch Zuzug aus den umliegenden Nebengemeinden. Danach wandten sie sich an die litauische Landessynode um Ermäßigung oder Streichung ihrer Steuer, da sie verarmt seien. Die zweite Hälfte des 17ten Jahrhunderts war eine Zeit des Verfalls. Deshalb verließ der Vogt Abraham die Stadt und zog nach Kukizow. Infolge des Brandes von 1710 sank sie auf drei Familien herab, die den Rumpf einer neuen, durch Zuzug verstärkten, Gemeinde bildeten, die aber die frühere Größe nie mehr erreichte. Die wüsten Stellen wurden durch zuziehende Rabbaniten eingenommen. Die Folge war ein Prozeß, der mit einem Vergleiche endete. 1765 waren in Stadt und Umgegend 116 Rabbaniten (?). Seit 1804 wuchs ihre Zahl. Die Karäer wehrten sich nicht, aber 1809 forderten sie die Abschaffung der jüdischen Gemeinde. In letzter Instanz wurde ihre Klage abgewiesen. 1823 klagten sie neuerdings beim Kaiser. Nach langwierigen Verhandlungen wurde 1862 endgültig erlaubt, daß auch andere Juden sich wieder ansiedeln. 1879 wurden 610 karäische Seelen und 1000 rabbanitische gezählt. 1897 waren unter 3240 Einwohnern 1112 Rabbaniten und 377 Karäer. Der Vogt war Vermittler zwischen den Regierenden und der Gemeinde. Die Würde war seit dem 17ten Jahrhundert in der Familie Labanowski oder Labanossow etwa 200 Jahre erblich. 1673 bis 1692 kämpfte sie mit der Landessynode um die Steuern. Beide Gemeinden waren zahlungsunfähig. Die karäische zahlte für die litauischen Schwestergemeinden an die Synode. Während der Amtszeit des Woyts Samuel ben Abraham 1692 bis 1740 gab es Zwistigkeiten zwischen ihm und seiner Gemeinde. Sein Sohn Abraham mußte 1755 beim rabbanitischen Beth din in Wilna Zuflucht suchen. Die rabbanitischen Gemeinden in Wilna und Brzesz gaben ihm Empfehlungen, in denen es hieß, daß er und sein Vater Rabbaniten und Karaiten viel Gutes getan habe. 1773 war Abraham wieder in Troki in amtlicher Stellung, als die karäische Synagoge seitens Adliger Einbruch und Raub erlebte. Sein Sohn Samuel war nicht glücklicher. Nach der russischen Okkupation erlosch das Amt des Woyts, wie jede Zentralorganisation. Jede Gemeinde blieb für sich. In den größeren waltete ein Chacham seines geistlichen Amtes — die kleineren besaßen keinen — in Administrationssachen hatte der Repräsentant der Gemeinde die Führung. Die Karäer in Luzk und Troki bemühten sich, der russischen Regierung klar zu machen, daß sie nicht Juden wie die Rabbaniten seien und zu ihnen in keinem Verhältnis ständen. Ebenso verfuhren die in Halicz und Kukizow gegenüber der österreichischen. 1795 befreite Katharina die Karäer im Gouvernement Taurien von doppelten Abgaben, wie sie die Juden bezahlten, und erlaubte ihnen, Grundstücke gleich den anderen Einwohnern zu kaufen. In den