Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 9)
- Language
- German
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83 meinsam mit den Karäern, außerdem einen jährlichen Zins von 5 Mark. Aus dem Vergleich ist ersichtlich, daß Karäer und Rabbaniten schon vor 1475 gemeinsam in Lemberg wohnten. Gemeinsam war auch der Friedhof mit der jüdischen Gemeinde in der Vorstadt und der eigentlichen Stadt. Aus Balaban ist nicht klar zu ersehen, ob es damals zwei oder drei rabbanitische Gemeinden gegeben hat, intra muros, Vorstadt und Unterstadt. Auch Caro (Gesch. d. J. in Lemberg, S. 4, 13) bringt für die mittelalterliche Siedelung keine Klarheit und will bereits ein Jahrhundert früher Karäer in Lemberg angesiedelt wissen (S. 2 f. Anm. 5). Von dem genannten Friedhof besitzen wir eine archivalische Notiz aus dem Jahre 1414. Kein einziger karäischer Grabstein ist aus jener Zeit erhalten, während etwa 5000 rabbanitische Grabsteine vorhanden sind. Dieser Friedhof wurde bis 1855 benutzt. Nach Ueberlieferung älterer Leute sollen auf dem wüsten Platze desselben die Grabsteine der Karaiten sich befunden haben. 1914 waren die Steine bereits unleserlich. Spuren einer karäischen Synagoge sind bisher nicht aufgefunden worden. Die Generalprivilegien der polnischen Judenschaft galten auch ihnen. Die älteste Erwähnung von Juden in Halicz stammt aus dem Jahre 1488. Zwei Juden saßen damals als Assessoren im Grodgericht zusammen mit dem Erbvogt, dem Starosten und einem dritten Richter. Noch im 16ten Jahrhundert sprechen alle Schriftstücke nur von Juden, nicht von Karäern. Erst 1578 erhielten letztere ein Ansiedlungsprivileg. Das ist das erste Zeugnis ihrer Anwesenheit in H. Die Karäer legten es jedem neuen polnischen Könige zur Bestätigung vor. Danach versprach Stefan Batory, ihre Freiheiten gemäß ihren früheren Rechten aufrechtzuerhalten. Das kann eine Phrase sein oder es bedeutet, daß sie schon früher eine Gemeinde gebildet haben. Sie sollen die Rechte der anderen Juden haben, freien Handel gleich den anderen Einwohnern, Branntweinbrennerei in ihrer platea judaica (Ghetto!) betreiben und den Branntwein verkaufen dürfen. Sie tragen dieselben Verpflichtungen wie die Einwohner der Stadt und zahlen gleich jenen an Hauszins einen polnischen Gulden fürs Jahr. Das Privileg, in lateinischer Sprache gehalten, ist ein Wiederabdruck aus Jost (Gesch. d. Isr. XI 105). Es macht keinen großen Unterschied zwischen Rabbaniten und Karäern. 1627 gibt es 130 bebaute Grundstücke in der Stadt und 22 wüste, davon Karäerhäuser 24 und einige Judenhäuser. Die Karäergemeinde ist also die Hauptgemeinde, Rabbaniten nur wenige. 1765 wohnen 99 Karäer auf 16 Parzellen, 258 Rabbaniten auf 36 Parzellen, christliche Wirte 120. 1900 existierten 160 Karäer. 1765 gab es auch in den Kreisen Trembowla und Kolomea Karäer. Die Geistesgeschichte der Haliczer Karäer hat Rubin Fahn im הקדם 1909 geschrieben. Sie beginnt 1640. Damals führte der Chasan Josef nach dem Muster der litauischen Gemeinden Reformen ein, in deren Folge ein Aufschwung hinsichtlich der Kenntnisse der karäischen Literatur eintrat. Darum erhielt er den Beinamen ,,Hamaschbir“, der auf seine Nachkommen überging. 1830 wurde ein neues Gotteshaus gebaut. Der damalige Chasan Leonowicz stand im Briefwechsel mit den bekanntesten Haskala-Vertretern 6*