Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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74 sich zum Dogma entwickelt, vgl. Hiob 210: ,,Sollten wir von Gott nur das Gute annehmen und das Böse nicht?“ Jes 456-7: ,,Keiner ist außer mir; ich bin der Ewige und sonst keiner, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, Frieden macht und das Uebel hervor־ bringt; ich der Ewige tue dies alles“. In letztem Grunde ist diese Idee nichts anderes als die notwendige Konsequenz des monotheistischen Grunddogmas. Das jüdische Synhedrion hat das Judentum gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. zu einer durch Dogmen festumgrenzten Religion gestaltet und so alle aus ihm hervorgegangenen und mit ihm eng verwandten Sekten endgültig abgestoßen. Damit die wesentliehen Glaubenslehren dem Juden von Jugend auf mit seiner Weltänschauung eng verwachsen würden, haben die Rabbinen sie in die täglichen Gebete auf genommen, so daß er nicht nötig hat, sie noch besonders zu lernen. Das historische Judentum kennt also eine Anzahl Dogmen, aber es besitzt keine Dogmatik, d. h. keine systematisch geordnete Zusammenfassung der Dogmen. Ist doch selbst die Systematisierung der Ritualgesetze eine jüngere Erscheinung im Judentum. Nur weil eine Anzahl jüdischer Glaubenslehren die unerschütterliehen Grundlagen des Judentums bildeten, haben die Karäer, obwohl sie die mündlichen religiösen Ueberlieferungen verworfen haben, im Gegensatz zu den Sadduzäern, an den jüdisch-dogmatischen Glaubens- Vorstellungen dennoch nicht gerüttelt. Auch sie glauben an das Erscheinen des aus dem Hause David stammenden Messias, an die Auferstehung, an das jüngste Gericht, an die göttliche Vorsehung, an die Göttlichkeit der Tora und an die von Geburt reine Seele (vgl. Jehudä Hadassi, Eäköl Hakköfer, Gczloso 1836 S. 21b, Frankl in Ersch u. Gruber II. Seel. Bd. 3318). Im 11. Jahrhundert faßte R. Chananel Ben-Chuschiel die Hauptpunkte der jüdischen Glaubenslehren, die von der autoritativen geistlichen Behörde des Synheidrions als verbindlich erklärt worden waren, in 4 Glaubensartikel zusammen: 1. Glaube an Gott, 2. an die Propheten, 3. an die künftige Welf, 4. an den kommenden Erlöser (Schechter, J. & R. I 59). Gleichfalls unter Anknüpfung an die im 1. Jahrhundert n. Chr. vorherrschenden Dogmen stellt Maimonides die bekannten 13 Glaubensartikel auf. Keine von diesen 13 Glaubenslehren ist erst von Maimonides, der zwar eine Autorität im Judentum war, neu erfunden worden, sondern sie sind aus der Fülle der Glaubenssätze, die Mischnä und Talmud enthalten, scharf herausgehoben worden. Nur deshalb, weil das Judentum Dogmen besitzt, konnte ein Spinoza wegen seines Pantheismus, der dem Dogma der göttlichen Offenbarung und der göttlichen Vorsehung widersprach, von den Rabbinen in den Bann getan werden. Noch Moses Mendelssohn war darüber entsetzt, daß sein Freund Lessing ein heimlicher Spinozist gewesen sei. Natürlich sind die jüdischen Dogmen ebenso wie die zarathustrischen nicht an einen bestimmten Wortlaut gebunden. Dadurch ist der freien Auslegung einzelner den Jenseitsglauben berührender Dogmen, ein, wenn auch begrenzter, Spielraum gelassen. So nimmt Maimonides eine rein geistige Auferstehung an, indem er bezweifelt, daß die Seelen in körperlicher Gestalt fortleben und auferstehen werden