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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 2 · p. Seite 73

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 2
Article
Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
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73 Geburt. Sowie du in der Stunde, wo du geboren bist, rein bist, so sei auch in der Todesstunde rein“ ,(Bäbä mesi‘ä 107, vgl. Jer. Beräk. 23) Bis zu seinem 10. Lebensjahr besitzt das Kind nach jüdischer Auffassung die volle Sündenreinheit. Erst von diesem Alter ab beginnt sich der böse Trieb in ihm zu regen (Tanhumä Ex. c. 2). Dieser jüdischen Lehre liegt auch folgende alt jüdische Legende zugrunde: ,,Als das Kind Ismael in der Wüste dem Verdursten nahe war und Gott der weinenden Hagar eine Quelle zeigen wollte, damit das Kind vor dem Tode des Verschmachtens gerettet werde, baten ihn die Engel, er möge das Kind verschmachten lassen, da es sonst später einmal viele Israeliten vor Durst umkommen lassen wTerde. Da sprach Gott: ״Ist er nicht jetzt (als Kind) vollkommen fromm? Ihr sollt einen Menschen nur nach seinen bisherigen Handlungen beurteilen!“ (Beresit Rabbä P. 53, Rös has§änäh 16b). Als Kuriosum will ich nebenbei erwähnen, daß Werner Sombart in seinem Werke: ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben“ S. 246 aus dieser angeführten Legende folgert, daß einem Menschen gelegentlich auf Wunsch Konto- Auszüge vom himmlischen Guthaben gemacht werden.“ Nur gänzliehe Unkenntnis des Judentums kann solche Fehlschlüsse hervorrufen. Kraft der angeborenen Reinheit der Seele besitzt also der Israelit die volle Freiheit, das Gute zu tun und die durch Sünden unrein gewordene Seele durch Rückkehr zu Gott (תשובה) wieder zu läutern, sich immer wieder emporzuringen und der Erlösung ohne eines Mittlers teilhaftig zu werden. Durch das Morgengebet אלהי נשמה haben also die Rabbinen diese jüdische Lehre, daß die Seele sündenrein ins Erdendasein tritt, den Juden fest eingeprägt, so daß selbst dem ungebildetsten Juden, der seine täglichen Gebete kennt, klar ist, daß die Lehre von der Erbsünde sich mit der jüdischen Auffassung von der angeborenen Reinheit der Seele nicht vereinigen läßt. Hier steht also dem christlichen Dogma ein rein jüdisches gegenüber. Einen dogmatischen Charakter hat z. B. auch das bereits aus vorchristlicher Zeit vom Synhedrion festgelegte Gebot: ,,Der Mensch ist verpflichtet, Gott nicht nur für das Gute, sondern auch für das Schlimme zu danken“ (M. Beräk. %, B. Beräk. 54 a, 33 b, 48 b). Auf dieser unumstößlichen Lehre beruht einerseits das Gebot, bei einem schlimmen Unglücksfall nicht unsäglich zu jammern (Mö'ed qätän 27b), sondern den trostreichen Zuspruch zu sagen: ״Gelobt sei der Richter der Wahrheit“ (M. Beräk. 92, B. Beräk. 54a), andererseits folgender Beschluß des Synhedrions: ״Wer spricht: Dich, o Gott, mögen die Guten preisen“, oder: ״Für das Gute möge deiner gedacht werden,“ den soll man zum Schweigen bringen, da es Ketzerei ist; denn dieser nimmt einen Dualismus an, indem er das Gute von der einen Gottheit, das Böse hingegen von der anderen Gottheit ableitet; wir aber sind verpflichtet, Gott nicht nur für das Gute, sondern auch für das Böse zu danken.“ (M. Megillä 49, B. Beräk. 33b. [nebst den von Rosch und Rif überlieferten Lesarten], M. Beräk. 93). Noch ausgeprägter als in diesem letzten Falle kann eine von einer autoritativen Behörde festgelegte unumstößliche Lehre als Dogma schwerlich gekennzeichnet werden. Hier in diesem Falle können wir auch historisch verfolgen, wie eine altisraelitische Religionsvorstellung

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