Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
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72 Gäbe es im Judentum außer den biblischen Gesetzesvorschriften keine festen Glaubenslehren, so dürften die durch die Dogmen geschaffenen Grenzen zwischen Judentum und Christentum oder dem Islam ziemlich verwischt werden. Man würde dann, wenn man nur die biblischen Gesetzesvorschriften hielte und dabei den christlichen oder islamischen Dogmen huldigte, dennoch ein strenggläubiger Jude sein. Wäre dieses aber der Fall, so hätte Paulus mit Unrecht vom Synhedrion für seine abweichenden Glaubensansichten die Geißelhiebe erhalten. Dann hätte ferner auch keine בלכת המניס, keine Verdammung der Häretiker, in der Tefillä am Ende des 1. Jahrhunderts Aufnahme finden dürfen. Während der Vorbeter jedes andere Gebet, bei dem er etwas irrtümlich ausließ, nicht zu wiederholen brauchte, mußte er jedoch, wenn er nicht den genauen Wortlaut des Gebets ברכת המניס laut hörbar rezitierte, es nochmals sprechen, da sonst sein Gebet als ungiltig angesehen werde (vergl. Elbogen, Der jüdische Gottesdienst 37 f)1. Wir brauchen nur die Stellung des Judentums zur Erbsünde zu betrachten, um uns zu überzeugen, daß gewisse charakteristische Glaubenslehren die Grundlagen des Judentums bilden, wodurch es sich gerade von den anderen Religionen scharf unterscheidet. Eine von R. Jochanan Ben-Napcha überlieferte Lehre, die sicherlich aus dem 1. Jahrhundert stammt, zeigt uns, daß der Gedanke der Erbsünde im Israeliten nicht auf kommen darf: ,,Die vom ersten Menschen herrührende sündhafte Unreinheit hat sich unter den Menschengeschlechtern fortgeerbt. Bei den Israeliten hat sie aber seitdem sie am Sinai die Törä angenommen hatten, zu wirken aufgehört, jedoch bei den Heiden, die nicht^die Törä empfangen haben, pflanzt sich Adams Sünde noch fort“ (Sabb. 145, 146a, Jeb. 103b, ,Ab. zärä 22b). Dieser jüdischen Auffassung begegnen wir schon bei Paulus (Röm 512-14). Hierauf beruht auch Paulus' Lehre von der Erbsünde, die ja nach jüdischer Vorstellung bei den Heiden noch fortwirkt. Auf Grund der jüdischen Ansicht, daß Adams Sünde keine Nachwirkung mehr hat, kam die bereits im 1. Jahrhundert nachweisbare Lehre auf, daß die Seele, wenn sie ins irdische Dasein tritt, sündenrein ist. So lautet ein aus dem 1. Jahrhundert stammendes Gebet: ״Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein; du hast sie geschaffen und sie mir eingehaucht“. Daher wird das Kind mit den reinen Opfern verglichen (Wajjiqrä Rabbä P. 7) und hört das Kind vor seiner Geburt gleichsam die göttliche Mahnung: ״Wisse, daß Gott rein ist und daß auch deine Seele rein ist. Bewahrst du sie in Reinheit, dann Heil dir! falls aber nicht, so entreiße ich sie dir“ (Nidda 30 b) Wajjiqrä Rabbä P. 14). Dieser Gedanke kommt auch in folgendem talmudischen Satze zum Ausdruck: ״Heil dem Menschen, dessen Sterbezeit ähnlich ist der Zeit seiner 1 Sehr treffend bemerkt der im 4. Jahrhundert lebende R. Jehudä Bar Sallum: ״Nicht durch das Bekenntnis zur Torä ist man schon Jude; denn dann müßte die Behauptung der zahlreichen Andersgläubigen, daß sie die wahren Israeliten seien, weil sie die ihnen in griechischer Uebersetzung vorliegende Bibel studieren und ihren Inhalt als heilig betrachten, ja wahr sein. Vielmehr bildet die alte, traditionelle Auslegung der biblischen Lehren das charakteristische Mysterium des wahren Israels“ (Jelamdenu, Wajjerä §5).