Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 2 · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 2
Article
Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829935-2829938-2833127--46733-2833164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 Ganz im Gegensätze zu den Sadduzäern, welche wichtige Glaubenslehren leugneten, sah man in einem Juden, der manche Gebote der Torä nicht beobachtete, dennoch keinen Ketzer. So heißt es (Sabb. 130 a): Diejenigen Gebote, die der Israelit bei Religions- Verfolgungen übertreten darf, wie z. B. das Gebot der Tefillin, übt der Israelit jetzt lässig aus1. Daß es in der Tat manchen Israeliten gab, der das Tefillinlegen vernachlässigte, beweist Hullin 110 a. Daraus geht mit einer Sicherheit hervor, daß gewisse feststehende Glaubenslehren höher bewertet werden,, als wichtige Zeremonialgesetze. Daß das Dogma von der Auferstehung der Toten im 1. Jahrhundert feststand, bestätigt auch Paulus. Als letzterer wegen seines Glaubens an die Auferstehung Jesu vom jüdischen Gerichte angeklagt wurde, beteuerte er, daß sein Glaube ja in Einklang stehe mit der Auferstehungslehre der Pharisäer. Die unterschiedliche Auffassung zwischen Paulus und den Pharisäern bestand darin, daß, während nach letzteren die Auferstehung der Toten am Weltenende stattfinden werde, Paulus aber annahm, daß Jesus als erster bereits auf gestanden sei und das Weltenende schon bevorstehe. Josephus bezeichnet den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele als eine ,,altehrwürdige Ueberlieferung“. (Bell. Jud. VII 82(ד. Auch die bereits im 1. Jahrhundert vom Synhedrion festgelegte Tefillä, die dreimal täglich ,gebetet wird, enthält in den beiden ersten Abschnitten folgende klar ausgeprägte Glaubenslehre: Gott, den wir anbeten, ist derselbe, den unsere Stammväter verehrt haben, er ist liebevoll und hilfreich, Schöpfer des Weltalls, das er durch seine Vorsehung leitet und erhält; er wird einst den Erlöser senden und die Toten wiederbeleben (vgl. M. Beräk. 43 ff; 52; Tos. Beräk. 39 ff). Lexorandi est lex c r e d e n d i. Die Glaubenslehre spiegelt sich hier getreu im Gebete wieder. Schon dieses Gebet widerlegt die Auffassung, daß das Judentum keine Dogmen besitze. Gerade im Gebete werden die Dogmen erlebt und täglich immer wieder aufgefrischt. Auch die in Mischna, Talmud und sämtlichen anderen alten Religionsschriften wiederkehrenden festgeprägten Begriffe wie עולם ,לעתיד לבו ,משיח משפם רשעים בגיהנם ,תחיית המ״י□,הבא beweisen das Vorhandensein von festen Glaubenslehren. Wenn man z. B. nach Mischna Peä lx für die. Ausübung gewisser religiöser Handlungen sich einen bleibenden Fond für die künftige Welt schafft und diese Mischna selbst in das Gebetbuch aufgenommen worden ist, so ist hier עולם הבא ein dogmatischer Begriff, an dem nicht gerüttelt werden darf3. 1 Vgl. auch M. Sanh. 11, 3, §ir hassir. Rabbä c. I, 2: Wer lehrt, daß die Tefillin nicht von der Torä geboten sind, ist nicht strafbar. Während das Opfer eines sündhaften Israeliten vom Priester dargebracht werden mußte, durfte aber das eines abtrünnigen Israeliten nicht angenommen werden (Wajjiqrä R. P. 2). 2 Daß der jüdische Auferstehungsgedanke nicht aus der altpersischen Religion stammt, habe ich in meinem Buche: ,,Die altpersische Religion und das Judentum“ dargelegt. 3 Nach R. Jochanan Ben Napcha gehörte zu den 5 Sünden, die Es au. begangen haben soll, die Leugnung des Auferstehungsglaubens (Baba Baträ 16b, Semdt R. P. 1). Der Andersgläubige, der zum Judentum Übertritt, muß ausdrücklich belehrt werden, daß im Jenseits Lohn und Strafe erfolgt *(Jöre Decä § 268).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.