Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 Beräk. 721, M. Beräk. IX Ende, B. Beräk. 54a, Ta'an. 16b). Hieraus geht hervor, daß an der Lehre von der künftigen Welt bereits bei Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung nicht gerüttelt werden durfte und ferner wichtige Dogmen in das tägliche Gebet eingeschaltet wurden, damit sie entscheidend die jüdische Weltanschauung bestimmen und ihr ein festes Gefüge geben. Dieses beweist auch die Behandlung, die den Sadduzäern von seiten des Synhedrions zuteil wurde. Obwohl letztere alle Gebote der Törä anerkannten und hielten, wurden sie, weil sie die eschatologischen Glaubensvorstellungen verwarfen und die Propheten und Hagiographen nicht als hl. Schriften anerkannten (Tanhumä P. Reeh § 2, Schürer II 480) vom Synhedrion als Ketzer (פושעי ישראל> .betrachtet, deren Schriften verbrannt werden sollen, damit ihr Andenken dahinschwinde (Sabb. 1.16 a, Sifre P. Näsä § 16)1. Eine Törä-Rolle, die ein Ketzer (ישראל מוהר) geschrieben hat, darf nicht gebraucht, sondern muß verbrannt werden (Gittin 45 b), obgleich kein Verdacht vorliegen konnte, daß er die Tora, die er ja anerkannte, an einigen Stellen gefälscht hätte. Also der rechtgläubige Jude mußte neben der Erfüllung der biblischen Satzungen sich zu gewissen Glaubenslehren bekennen. Daß die Lehren vom Jenseits als unumstößliche Dogmen angesehen wurden, geht deutlich auch aus folgender Vorschrift der Rabbinen hervor: Wenn.ein Jude von einem Mörder verfolgt wird und es bietet sich ihm die Möglichkeit, sich zu retten, indem er entweder in einen Götzentempel oder in das Haus eines Sadduzäers flüchtet, soll er unter keinen Umständen das Haus des letzteren betreten, sondern eher in den Götzentempel hineinlaufen, da der Sadduzäer, obwohl er den wahren Glauben kannte, ihn ableugnet, die Heidenvjedoch ihn nie besessen und daher auch nicht abgeleugnet haben (Sabb. 116a). Die Töchter der Sadduzäer haben, solange sie in den Fußstapfen ihrer Eltern wandeln, als Samariterinnen zu gelten (M. Nidda 42). Nur deshalb, weil das sadduzäische Buch Sirach Sätze enthält wie 1730: ,,Der Mensch ist nicht unsterblich“, welche die ,Auferstehung und die Unsterblichkeit der Seele in Abrede stellen, ist das Buch verboten worden. Selbst das Buch Qöhelet, das angeblich von Salomo verfaßt sein soll, wollten die Rabbinen anfänglich nicht in den Kanon auf nehmen, weil einzelne Sätze darin einen Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele und an der göttlichen Vorsehung ausdrücken. Erst als es dem Synhedrion gelang, mittels gekünstelter Erklärungen die darin enthaltenen anstößigen Sätze mit den Glaubensvorstellungen in Einklang zu bringen, wurde es für heilig erklärt (Sabb. 30 b). Zur Zeit der Festlegung des Kanons hat es also Dogmen gegeben, von deren Annahme die Rechtgläubigkeit bedingt war. Nur deshalb, weil die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Auferstehung einen dogmatischen Charakter hatte, hatte das autoritative Synhedrion den Verkehr mit Häretikern und das Lesen deren Schriften verboten. 1 Allerdings könnten mitdemAusdruck,,Sa.dduzäerc<:zugleichauchdie Juden־ Christen und die dem Gnostizismus zuneigenden Juden bezeichnet worden sein, aber der Umstand, daß solche mit den Sadduzäern identifiziert worden sind, beweist, daß der Sadduzäismus als der charakteristische Typ des Ketzertums angesehen wurden ist.