Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
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69 wurden und die Geltung von Dogmen hatten, während andere Glaubens Wahrheiten, die im Kampfe gegen das Heidentum nicht von Belang waren, zurücktraten. Neben den Gesetzesvorschriften des Pentateuchs (מצרות עשה ולא תעשה) hat es bereits mehrere Jahrhunderte v. Chr. auch bestimmte Glaubens vor Stellungen gegeben, wie z. B. die von der Unsterblichkeit der Seele, von der göttlichen Vorsehung, Göttlichkeit der Törä, der künftigen Welt, dem Messias, der Wiederbelebung der Toten, dem Jüngsten Gericht, der Hölle, dem Satan und den Engeln. Diese Ideen, die seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. das Gesamtjudentum tief bewegten, bildeten seitdem gleichsam die Seele des Judentums, hingegen die Gesetzesvorschriften seinen Körper. Weil die Juden von der Hoffnung auf die künftige Welt, auf das ewige Heil tief durchdrungen waren, hatten sie in den blutigen, lang anhaltenden Religionsverfolgungen seit der Makkabäerzeit als Märtyrer willig ihr Leben hingegeben. Als nun im ersten Jahrhundert viele Häretiker an gewissen althergebrachten, geheiligten Glaubens- Vorstellungen, vor allem an dem Auferstehungsglauben (Beresit Rabbä P. 14) zu rütteln begannen, haben die Rabbinen die wichtigsten von diesen, die angezweifelt wurden, mit besonderer Betonung hervorgehoben und als unantastbare Glaubenslehren, als Dogmen, hingestellt. Wer diese ableugnete, war ein כופר בעקר, ein Leugner der Grundlehren des Judentums, ein פושע ישראל. Sie bildeten das Alpha und Omega des echten Judentums. So hat das Synhedrion im ersten Jahrhundert die von damaligen zahlreichen Ketzern angefochtene Lehre von der Auferstehung der Toten und der Göttlichkeit der Törä als Dogmen festgelegt, indem es die für alle rechtgläubigen Juden verbindliche Lehre auf stellte: ,,Folgende werden der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig: Wer an die Auferstehung der Toten nicht glaubt, wer die Göttlichkeit der Törä leugnet und wer ein Religionsspötter ist" (M. Sanh. X, 1). Für das Judentum, das schon mehrere Jahrhunderte v. Chr. den ausgeprägten Jenseitsglauben besitzt, bedeutet der Ausschluß von der ewigen Seligkeit die ewige Verdammnis. Das Hoffen und Streben der Juden war die Erlangung der ewigen Seligkeit, worauf nicht nur unzählige Stellen des Talmuds, sondern auch die altjüdischen Grabinschriften der ersten Jahrhunderte v. und n. Chr. hinweisen. So heißt es in einem aus dem ersten Jahrhundert stammenden Gebete eines Rabbi: ,,Ich bemühe und jene Heiden bemühen sich, aber ich bemühe mich um des Jenseits willen und jene bemühen sich um des Abgrunds des Verderbens willen" (Jer. Beräk. 7 b). Zur Zeit des Bestandes des zweiten jerusaiemischen Tempels lautete ursprünglich der Schluß eines jeden Segensspruches: ברוך ד., אלהים אלהי ישראל עד העולם ,Gelobt ist Gott der Herr, Gott Israels, bis in Ewigkeit'. Als aber Häretiker, die den Jenseitsglauben leugneten, dem Ausdruck עד העולם die Bedeutung beilegten: ,,bis zu dieser Welt", hatte das Synhedrion noch zur Zeit des jerusalemischen Tempels angeordnet, daß für עד העולם von nun ab eingesetzt werden solle מן העולם ועד העולם ,,von der einen Welt bis zur anderen Welt", auf daß ,,jeder wisse, daß diese Welt der künftigen Welt vorangeht, wie eine Vorhalle dem Palaste" (Tos.