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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 2 · p. Seite 68

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 2
Article
Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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68 der Israel aus Aegypten erlöst hat (Dt 268 ff.)• Und hatte er den Zehnten von seinen Feldfrüchten abgesondert, mußte er das Bekenntnis ablegen, daß er auf das Wort Gottes gehört habe und keinen Totenkult treibe1. Der Bauer, der nachweislich am zähesten an alten polytheistischen Anschauungen festhielt, mußte also bei feierliehen Gelegenheiten vornehmlich zwei Glaubensartikel betonen: 1. der Gott der Väter ist der Erlöser aus Aegypten; 2. Gott allein darf angebetet und verehrt werden. Daß diese beiden die wesentlichsten Grundbegriffe des Judentums bildeten, geht auch daraus hervor, daß sie im 5. Gebote als Begründung für die Sabbatheiligung angegeben werden (Ex 21lx; Dt 515). So ist es zu verstehen, daß das Judentum, soweit wir es historisch zurückverfolgen können, das Sch’ma'-Gebet (Dt 64-8) und die 10 Gebote als den Kern des Glaubens- Standes betrachtete. Diese beiden biblischen Stücke bildeten das tägliche Gebet der Juden wohl seit Esra (Tämid 5X, Middöt 54, Beräk. 11 b). Ein sehr altes Fragment, das etwa aus dem Jahre 100 n. Chr. stammt, nämlich der Papyrus Nash, ist das Bruchstück dieses ältesten uns überlieferten Gebetes für Wochentage, das aus den 10 Geboten und dem Sch’ma' besteht (v. Gail, Z. A. W. 1903, 347 ff.). Aber gegen Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. erklärten die Rabbinen, daß man die 10 Gebote nicht mehr als den wesentlichsten Bestandteil des Gebetes ansehen dürfe, da viele Ketzer, die die 10 Gebote ebenfalls als göttliche unantastbare Gesetze anerkannten, unter den damaligen Juden die falsche Vorstellung verbreiteten, als ob in ihnen allein das ganze Gesetz bestände, zu dem Israel verpflichtet sei, und da es außerdem damals zahlreiche Andersgläubige gab, die die 10 biblischen Gebote ebenfalls für heilig hielten und dennoch nicht als Juden gelten konnten (Beräk. 12 b, Marmorstein, Jeschurun 1924, 41 f.). Das Synhedrion lehrte daher im zweiten Jahrhundert n. Chr. die Anbetung des einen unsichtbaren Gottes habe durchaus nicht als das spezifische Merkmal der jüdischen Religion zu gelten, sondern eines der 7 Gebote sei, die Gott bereits Noah und seinen Nachkommen ans Herz gelegt habe und zu denen nicht nur die Juden, sondern alle Völker der Erde eigentlich verpflichtet wären. Diese 7 sogenannten noachidischen Gebote lauten: 1. die ausschließliche Anbetung Gottes, den man nicht bildlich verehren darf; 2. die Heiligung .des göttlichen Namens, 3. nicht morden; 4. nicht rauben; 5. nicht ehebrechen; 6. eine Obrigkeit anerkennen; 7. kein Stück Fleisch von einem lebenden Tiere ausschneiden (Sanh. 56 a). Seit jener Zeit betonen die Rabbinen, daß in den 10 Geboten sämtliche Lehren der Törä angedeutet seien (Hagigä 6 b), so daß ihre Bedeutsamkeit vornehmlich darin besteht, daß beim Lesen der 10 Gebote sämtliche übrige biblische Gesetze als Erläuterungen und als notwendige, unabweisliche Folgerungen vor Augen treten sollen (Bamidbär Rabbä P. 13 u. 18, Saadja bei Raschi Ez 2412, ferner Marmorstein, Jeschurun XII, 41). Hieraus geht hervor, daß nur solange das Judentum als die einzig monotheistische Religion existierte, die Lehren der 10 Gebote und das S c h'm a£ in den Vordergrund gerückt 1 ,,Ich habe nichts davon einem Toten gegeben“ (Dt 26u).

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