Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 2 · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 2
Article
Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829935-2829938-2833127--46729-2833160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

67 rivalisierenden Religion schwer zu kämpfen hat. Alte Glaubensansichten, die in solchen Kämpfen besonders die Zielscheibe des Angriffes bilden, werden dann von der Mehrheit der Religionshäupter, die eine Autorität bilden, als unantastbare Glaubenslehre hingestellt und gewöhnlich in feststehende Formeln gekleidet. Wer diese Lehren nicht anerkennt, wird des Heilsbesitzes nicht teilhaftig. So hat erst das von über 300 Bischöfen besuchte Konzil zu Nicaea das christliche Dogma von der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater formuliert. Und das zweite allgemeine Konzil zu Konstantinopel (381) fügte noch das Dogma von der Gleichstellung des heiligen Geistes mit Vater und Sohn hinzu und sprach so die Dreieinigkeit als christliche Grundlehre aus. Aehnlich entstand die islamische Dogmenbildung erst, als die geistige Auseinandersetzung des Islam mit dem Christentum erfolgte und sich Sekten im Islam zu bilden begannen. Auch im Judentum lassen sich Dogmen nachweisen, die freilich nicht in stereotype Worte gekleidet sind, denn nicht auf den Wortlaut, sondern auf den nicht zu erschütternden Sinn kommt es hier an. In dieser Hinsicht gleicht das Judentum der Zarathustra-Religion. Wollen wir die Religion des Judentums richtig bewerten, so müssen wir sie in ihrer sprudelnden Lebenskraft betrachten, wie sie vornehmlich kurz vor der Entstehung des Christentums ausgesehen hat, und wie sie sich, nachdem die unüberbrückbare Kluft zwischen Mutter- und Tochterreligion eingetreten ist, in dem gefahrvollen Kampfe mit der Tochterreligion bewährt hat. In der ältesten Zeit, als die monotheistische Religion Israels unentwegt den harten Kämpf gegen die polytheistischen Vorstellungen der Umwelt zu führen hatte, wurden die 10 Gebote als Israels Grundlehren angesehen, weshalb sie ,,die Tafeln des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen“ (Dt 99) heißen. Die ersten drei Gebote enthalten gerade die scharfen Merkmale, die die israelitische Religion vom Heidentum unterschieden, indem sie vor allem lehren: 1. das Dasein des einen Gottes als des Erlösers aus ägyptischer Knechtschaft; 2. die ausschließliche Verehrungswürdigkeit des einen persönlich gedachten Gottes, den man nicht bildlich anbeten darf; 3. die Heiligkeit des göttlichen Namens. Dieser Geist der 10 Gebote durchdringt in Israel das damalige Weltbild, das uns in der Schöpfungsgeschichte der Genesis entgegentritt. Die Einheit ist das Ursprüngliehe. Sonne, Mond, Gestirne, Himmel, Erde und Ozean sind nicht, wie der Polytheismus annimmt, Gottheiten. Die einzelnen Länder und deren Urbewohner sind nicht von verschiedenen Gottheiten erschaffen worden, sondern ein einziger göttlicher Geist hat alles ins Dasein gerufen1. Alles hat einen guten Zweck, und alle Menschenwesen haben einen gemeinsamen, einheitlichen Ursprung. Jedem Menschen wohnt göttlicher Geist inne, weshalb jede Menschenseele einen Wert hat. Wenn der altisraelitische Bauer die Erstlinge Gott weihte, mußte er laut bekennen, er bete den Gott seiner Väter an, 1 Schon Beresit RabbäP. 1 gibt an, daß der Schöpfungsbericht vornehmlieh den Zweck habe, um darzutun, daß die Welt und was sie füllt, Gottes Werk sei und er allein daher über den Besitz der einzelnen Länder zu verfügen habe, 5*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.