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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1926-01-01 · Heft 2 · p. Seite 66

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
70 (1926)
Issue
Heft 2
Article
Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
Date
1926-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 weil man die festen Begriffe, den bestimmten Wortlaut des Bekenntnisses nicht fand. Und auch drinnen in der jüdischen Gemeinde ist nicht selten, besonders in Uebergangszeiten, dieses selbst als ein Mangel empfunden worden. Ohne das Dogma schien der Glaube seine Sicherung zu entbehren, in der er deutlich dargestellt und überliefert werden konnte. Unzweifelhaft liegt darin auch manches Richtiges. Aber zum Wesen des Judentums gehört, daß diese Stütze und Bindung fehlt. Ursprung und Geschichte haben ihm zu eigen werden lassen, daß es nicht das Dogma hat, aber dafür die Religions- Philosophie/‘ Hier lehnt sich L. Bäck augenscheinlich an Moses Mendelssohn an, der bereits in seinem ,,Jerusalem“ die Ansicht ausgesprochen, das alte Judentum habe weder bindende Dogmen noch Heils wahrlieiten. ,,Maimonides“ — behauptet Mendelssohn — ,,kam zuerst auf den Gedanken, die Religion seiner Väter auf eine gewisse Anzahl von Grundsätzen einzuschränken, damit die Religion wie alle Wissenschäften ihre Grundbegriffe habe, aus welchen alles übrige hergeleitet wird. Aus diesem bloß zufälligen Gedanken sind die 13 Artikel des jüdischen Katechismus entstanden.“ In Wirklichkeit sei aber das Judentum nur ein Inbegriff von ethischen und religiösen, das äußere Leben ordnenden Gesetzen und setze natürliche und vernunftgemäße Ueberzeugung von Religionswahrheiten voraus, ohne welche keine göttliche Gesetzgebung statthaben könne. Diese Auffassung Mendelssohns hatte aber keine nennenswerte Beachtung in der Wissenschaft gefunden, da seine Schrift ,,Jerusalem“ nicht den Anforderungen einer wissenschaftlichen Untersuchung entsprach, sondern vornehmlich den Zweck verfolgte, darzutun, daß das Judentum die Fähigkeit zeigen würde, sich dem Geiste der Aufklärungsperiode seiner Zeit anzupassen, wenn den Juden nur die bürgerliche Emanzipation gewährt werden würde. Untersuchen wir, ob sich Bäcks und Mendelssohns Auffassung, die von ungeheurer Tragweite für das Judentum ist und heute von einer überragenden Mehrheit der Westjuden geteilt wird, vom religionsgeschichtlichen Standpunkte aus aufrecht erhalten läßt. Meine Untersuchung baut sich nicht auf Ansichten einzelner Rabbiner auf, die gewöhnlich keine Gesetzeskraft erhielten, sondern vornehmlich auf den von Synhedrion festgelegten Bestimmungen. Daher ist hier auch die Behandlung der Dogmen bei den Religionsphilosophen nicht berücksichtigt worden, da jene niemals die Autorität besaßen, verbindliche Bekenntnisformeln zu schaffen. Dogmen sind unumstößliche Glaubenslehren, von deren Anerkennung die Rechtgläubigkeit abhängt. Die Geschichte der Religion lehrt uns, daß jede tiefwertige Erlösungsreligion unter der Fülle ihrer Glaubens Vorstellungen und Vorschriften einzelne gerade ihr charakteristische Ideen besitzt, die erst dann mit einer gewissen Betonung in den Vordergrund־ gerückt werden und als unerschütterliche Dogmen sichtbar hervortreten, wenn unter den Anhängern einer Religion im Laufe ihrer Entwicklung Streitigkeiten über die Auffassung altüberkommener Glaubensvorstellungen entstehen und die Religion sich in Sekten zu spalten droht oder wenn sie mit einer anderen

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