Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 70 (1926)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?
- Date
- 1926-01-01
- Page
- 65 (sequence 1)
- Language
- German
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Ist das überlieferte Judentum eine Religion ohne Dogmen?1 * * * 5 Von Universitätsprofessor Dr. I. Scheftelowitz in Köln. L. Bäck behauptet in seinem bekannten Werke: ,,Das Wesen des Judentums “, daß das Judentum keine Dogmen und infolgedessen keine Orthodoxie habe. ,,Allerdings ist es selbst verstandlieh“, — sagt er — ,,daß sich in einer positiven Religion klassische Sätze von Geschlecht zu Geschlecht forterben als die alte Kunde der Glaubenswahrheit. Ueberall, wo es ein Glaubensgut gibt, hat es seine ehrwürdigen Worte, in denen der Klang von Offenbarung und Geschichte singt und schwingt. Aber ein Dogma in genauem Sinne ist das noch nicht. Dieses ist vorhanden, wenn in festen Begriffen die bestimmte Formel geprägt und diese dann von einer eingesetzten, maßgebenden Autorität für verbindlich erklärt wird, um den Heilsbesitz zu bezeichnen, von dessen Annahme die Rechtgläubigkeit und Seligkeit bedingt sind. Alle diese Voraussetzungen fehlen im Judentum .... Im Judentum galten die Glaubenssätze nicht als die Bedingung der Seligkeit .... Dazu kommt, daß die jüdische Glaubensgemeinschaft des Subjekts, welches Dogmen schaffen kann, entbehrt, zum mindesten seit sie die Zusammenfassung der Autorität verloren hat, die sie eine zeitlang im Synhedrium und danach innerhalb gewisser Grenzen durch das sogenannte Gaonat besessen hatte. Verbindliche Bekenntnisformeln kann nur eine geistliehe Behörde feststellen, die im Namen der Gesamtheit spricht und Gehorsam heischt und auch über die’Mittel verfügt, sich gegen Widerstrebende durchzusetzen. Sie hat es für das Judentum nicht gegeben; man hatte hier eine sichere Ueberlieferung mit ihrer Aufeinanderfolge der Lehrer, aber keinerlei geistliche oder staatliche Hierarchie. Wenn zu manchen Zeiten eingesetzte Autoritäten bestanden, die freilich, immer sehr bald wieder schwanden, so haben sie doch nie Befugnisse besessen, die sich auf die Glaubensbegriffe erstreckten. So fehlten die Vollmachten, kraft deren ein Dogma, wofern das Bedürfnis nach ihm vorhanden gewesen wäre, hätte festgelegt werden können. Der Wille und die Ueberzeugung, dem Judentum zuzugehören, blieb das Eigentliche und Bestimmende .... Es hat manchem darum hier etwas gefehlt, so sehr, daß draußen bisweilen die Meinung ausgesprochen worden ist, das Judentum sei alles, nur eben nicht eine Religion. Man sah sie hier nirgends, 1 Die wichtige Frage, die den Gegenstand der folgenden Abhandlung bildet, hat sowohl ihren geschichtlichen wie ihren systematischen Sinn. Der Herr Verfasser hat sich mit voller Absicht auf die rein geschichtliche Behandlung beschränkt. Wir beabsichtigen, im nächsten Heft eine Beantwortung unter systematischem Gesichtspunkt zu veröffentlichen. Die Schriftleitung. 5 Monatsschrift, 70. Jahrgang.