Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der hundertjährige Kampf um die Judenemanzipation in Rumänien (1825-1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 428 (sequence 3)
- Language
- German
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428 Auf die Dauer konnte man mit dieser byzantinischen Politik nicht weit kommen. Keine geringeren Persönlichkeiten als Georges Clemenceau und der italienische Ministerpräsident Luigi Luzzatti traten der rumänischen Judenfrage näher, und sie wandten sich in zwei flammenden Protestartikeln gegen die rumänischen Regierungs־ maximen und appellierten an das europäische Gewissen. Luzzatti bezeichnete die rumänischen Juden als ,,die letzten Sklaven, die noch in Europa existieren.“ Die Führer der amerikanisch-rumänischen Juden eröffneten in ihrer Presse eine Kampagne und verlangten die Bürgerrechte für ihre Brüder in Rumänien. Jonel Bratianu wußte auf alle diese politischen Aktionen und Proteste nichts Besseres, als sich in scharfen Drohungen gegen die Juden zu ergehen. Diese Judenpolitik dauerte bis zum Tode König Carols (am 27. 9. 1914). Ihm folgte auf den Thron sein Neffe Ferdinand I., der in bezug auf die Judenpolitik den konservativen Standpunkt bewahrte. Am 14. August 1916 trat Rumänien an der Seite der Entente in den Weltkrieg ein. Für die Juden begann mit diesem Tage ein neues Kapitel ihrer alten Leidensgeschichte. In allen Grenzgebieten wurden sie nach altem russischen Brauch der Spionage verdächtigt und in die Kerker geworfen, wo sie infolge Hungers und epidemischer Krankheiten umkamen. Eine Unmasse geheimer Erlässe wurde für die Juden herausgegeben, welche jedem Polizisten die Möglichkeit gaben, Juden zu verhaften. Juden wurden als erste in die Schützengräben geschickt und kämpften trotz dieser Ausnahmebehandlung heldenmütig. Hunderte jüdischer Soldaten wurden ausgezeichnet. Dies alles hinderte die Regierung nicht, in Bacau 84 der Spionage verdächtige jüdische Soldaten zu erschießen. Unter ihnen befand sich auch der bekannte Sozialistenführer Max Wechsler. Den unglücklichen Ausgang der einzelnen Schlachten, die zahlreichen Niederlagen der rumänischen Armeen schrieb man den Juden zu. Die Unfähigkeit der Heerführer mußten die jüdischen Soldaten mit ihrem Leben bezahlen. Man suchte immer nach einem Sündenbock und fand ihn immer wieder im Juden. Mit dem Ausbruch der russischen Revolution begannen sich die Nachrichten über die schrecklichen Judenverfolgungen in Rumänien zu mehren und es fehlte nicht an öffentlichen Protesten und Kund-, gebungen. Die russischen Soldatenräte forderten Rechenschaft und drohten mit Gewaltmaßregeln. Daher sah sich Jonel Bratianu veranlaßt, nach Petersburg zu eilen, um die Gemüter zu beruhigen. In seiner Begleitung befand sich der Zaranistenführer Dr. Lupu. Die inneren Wirren Rußlands, der Zusammenbruch der rumänischen Armee zwangen die Regierung Marghiloman zum Ab- Schluß des Bukarester Friedens (Mai 1918). Die Zentralmächte diktierten die Friedensbestimmungen, die Rumänien große finanzielle Lasten und territoriale Verluste auferlegten. Im Art. XXVIII des Bukarester Vertrages ist auch von der Einbürgerung der Juden die Rede. Dort heißt es: ״Die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses soll in Rumänien keinen Einfluß auf die Rechtstellung der Einwohner, insbesondere auf ihre politischen und bürgerlichen Rechte, ausüben. Der im Absatz I ausgesprochene Grundsatz wird auch insoweit zur Durchführung gebracht werden, als es sich um