Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der hundertjährige Kampf um die Judenemanzipation in Rumänien (1825-1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 427 (sequence 2)
- Language
- German
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427 lehnte. In dieser Beziehung war Rußland ein mustergültiges Vorbild für Rumänien. Die alterprobten moskowitischen Methoden wurden in Rumänien mit Erfolg angewandt. Dies zeigte sich besonders bei den Bauernunruhen. Die Bojaren suchten den Unwillen der versklavten rumänischen Bauern von sich abzulenken und stellten die Juden als diejenigen hin, welche die triste Lage der Bauern hervorgerufen hätten. Die Politik der Machthaber zielte darauf hin, die Bauern von den Schandtaten der Bojaren abzulenken und auf die Juden zu hetzen. Durch den richtigen inneren Instinkt erkannten die Bauern ihre wahren Feinde und kehrten die Waffen gegen die verhaßten Bojaren (1907). Ein Bauernaufstand brach los. Jonel Bratianu ließ kalten Blutes 11 000 Bauern niederschießen und unterdrückte die Bauernbewegung im Blute. In der Folgezeit suchte jede Regierung neue Gesetze zu sanktionieren, um die Juden noch mehr zu unterdrücken. Jede Regierung wollte in dieser Beziehung ihre Vorgängerin übertreffen. So durfte beispielsweise ein Jude nicht in den Staatsdienst auf genommen werden, er durfte in keiner Dorfgemeinde wohnen, keine geistigen Getränke verkaufen, keinen Tabakhandel treiben, keine Drogerie besitzen und nicht den Advokatenberuf ausüben. Die Aufnahme in die öffentlichen Schulen wurde einem Juden fast unmöglich gemacht. Berühmt ist die Formel des Judeneides ,,more judaico“ in Rumänien geworden. Diese speziellen Judengesetze hatten eine starke Auswanderung nach Amerika, Westeuropa und nach Palästina zur Folge. Es dauerte aber nicht lange bis das europäische öffentliche Gewissen erwachte und die rumänische Regierung zur Verantwortung zog. Der große dänische Kritiker Georg Brandes ergriff für seine rumänischen Volksgenossen das Wort und brandmarkte die rumänische Politik; die amerikanische Regierung richtete an die Garantiemächte eine scharfe Protestnote und verlangte, Schritte zu unternehmen, um Rumänien zur Einhaltung seiner im Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtungen zu zwingen (1902). Allein alle diese Proteste halfen nichts. Die rumänischen Regierungen beharrten weiter bei ihrer Judenpolitik. So ging es bis zum Jahre 1913. Der Balkankrieg brach aus und lenkte die Aufmerksamkeit der europäischen Mächte abermals auf Rumänien, das aktiv in den Krieg eintrat. Bei der allgemeinen Mobilisierung meldeten sich 20—25 000 jüdische Freiwillige zu den Fahnen. Groß war die Begeisterung der Juden für Rumänien. Die finanzielle und moralische Hilfe, die die rumänischen Juden ihrem Vaterlande angedeihen ließen, war sehr bedeutend. Die Juden knüpften an ihren Patriotismus die Hoffnung, daß sie die Einbürgerung erlangen würden. In der Tat erhoben sich auch Stimmen maßgebender rumänischer Politiker und verlangten die Emanzipation der Juden. Allein der Bukarester Friede brachte den Juden neue Enttäuschungen. Man stellte plötzlich fest, daß die Annahme von jüdischen Freiwilligen nur aus ,,Mißverständnis'‘ erfolgt sei, da ,,Fremde“ überhaupt kein Recht besäßen, sich freiwillig zur Militärdienstleistung zu melden. Auf diese Weise wurden Tausende von jüdischen Freiwilligen, denen man die Einbürgerung versprochen hatte, aus den Listen gestrichen. Wieder einmal war die rumänische Regierung wortbrüchig geworden.