Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der hundertjährige Kampf um die Judenemanzipation in Rumänien (1825-1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 384 (sequence 8)
- Language
- German
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384 Fürst Carol beschwor diese Verfassung, welche die Juden als vogelfrei erklärte. Unter dem Ministerium Jon Bratianu I. erging am 20. Mai 1867 an alle Präfekten des Reiches die Aufforderung, die Juden aufzugreifen und diejenigen, welche nicht wenigstens 5000 Piaster besäßen, als ״Vagabunden“ zu erklären und aus dem Lande zu weisen. Eine wilde Jagd begann. Tausende jüdischer Familien sahen sich der Willkür der Behörden ausgesetzt. So ließ der Präfekt von Galatz eine Gruppe rumänischer Juden als Vagabunden ausweisen und jagte sie mit Hilfe seiner Henker in die Donau, wo sie in den Wellen des Stromes umkamen. Diese Verbrechen riefen Entrüstung in ganz Europa hervor. Napolen III. protestierte im Juli 1867 auf telegraphischem Wege gegen die Judenverfolgungen, die europäischen Konsuln legten beim Fürsten Carol im Namen ihrer Regierungen Einspruch ein und übergaben ihm eine Kollektiv־ note. Diese hatte die Entlassung Bratianus zur Folge. Seine Nach־ folger gehörten der konservativen Bauernpartei an und versuchten nicht ohne Erfolg, weitere Ausschreitungen zu hintertreiben. Aber schon unter dem Ministerium Catargiu kam es abermals zu Juden־ ausschreitungen. Die Regierung hatte zu ihrem Schutze nichts unternommen. Die tiefe Empörung, welche dies bei den westeuropäischen Juden hervorrief, fand ihren Ausdruck in der in Brüssel unter dem Vorsitz Cremieux, stattgefundenen Sitzung der Alliance Israelite Universelle, wo der Beschluß gefaßt wurde, die Hilfe der westeuropäischen Mächte zum Schutze der rumänischen Juden anzurufen. Es wurden mehrere diplomatische Schritte unternommen, die einen großen Erfolg hatten. Ganz energisch traten die Vereinigten Staaten von Nordamerika gegen diese Judenpolitik auf und bewirkten, daß die Progromstimmung sich legte. Im Frühling 1877 bricht der russisch-türkische Krieg aus. Rumänien stellt sich auf die Seite Rußlands und proklamiert am 10. Mai desselben Jahres seine Unabhängigkeit von der Türkei. Das russisch-rumänische Heer erstürmte Plevna und nahm den heldenmütigen Verteidiger, den Festungskommandanten Osman Pascha, gefangen. Der Weg nach Konstantinopel stand dem russischen Heere offen, und so beeilte sich die Türkei, mit den Russen den Friedensvertrag von San Stefano (1878) zu schließen. Er enthielt ungünstige Bestimmungen für Rumänien und sollte auf einem europäischen Kongreß erst eine endgültige Fassung erhalten. In der Tat trat unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck am 13. Juli 1878 in Berlin der sogenannte ,,Berliner Kongreß“ zusammen, an dem die europäischen Großmächte (England, Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Italien, Rußland und die Türkei) teilnahmen. Hier sollte in erster Linie die Lage der Balkanstaaten geregelt werden. Angesichts der traurigen Lage der Juden in Rumänien beeilten sich die westeuropäischen Judenorganisationen, alle Schritte zu unternehmen und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die rumänische Judenfrage auf die Tagesordnung des Friedenskongresses zu bringen. Die Alliance Israelit Universelle entsandte eine Delegation nach Berlin, welche den Vertretern der Mächte eine Denkschrift überreichte, in der die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien gefordert wurde. Der Kongreß nahm das Memorandum