Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Messianismus und Mysterienreligion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 354 (sequence 18)
- Language
- German
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354 Frömmigkeit des H e 11 e n i s m u s geübt hat, sich auch auf die Mysteri enreligionen erstreckt und zu ihrer Vergeistig.ung geführt hat. Das wäre denkbar, zumal im Hinblick auf die Häufigkeit des Namens lao in Zauberpapyri; beweisbar ist es nicht. Die Ethisierung des Mysterienglaubens beginnt mit Platon; wir haben Anlaß zu vermuten, daß auch Poseidonios an ihr einen gewissen Anteil nahm; nichts nötigt uns, jüdischen Einfluß auf die höheren Formen der mystischen Spekulation anzunehmen. Die Prüfung der Vermutungen Nordens und Kittels führt also zu negativem Ergebnis. Ihre Annahme, daß es im Judentum Lehren gegeben habe, die denen der heidnischen Mysterienreligionen verwandt waren, beruht zum größten Teil auf Mißverständnis .(so bezüglich des Gottes Aion, des angeblichen Sonnwendfestes und der jungfräulichen Geburt); soweit sich verwandte Zukünftshoffnungen finden—־ nicht nur in der Bibel und im Hellenentum, sondern auch im ferneren Orient — haben sie sich wesentlich unabhängig von einander entwickelt. Gottfried Keller, der Dichter, wird dem Tatbestand besser gerecht als die Philologen. Es bleibt nur die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit bestehen, daß die Bildersprache der Propheten, zumal in den messianischen Reden, durch einen Stil bestimmt ist, der auf Könige und vielleicht auf weise Religionsstifter anderer Völker Anwendung gefunden hatte, und daß der Glaube an die jenseitige Ver־ bundenheit mit Gott bereits für manche Psalmen vorausgesetzt werden darf. Nicht einmal soviel ist zuzugeben, daß es sich um eine Reihe ganz blasser Symptome handle, die auf einen einheitliehen Tatbestand weisen und sich dadurch gegenseitig verstärken. Denn an intimen Zusammenhang der besprochenen heidnischen Vorstellungen untereinander wird man höchstens dann glauben können, wenn man Nordens Ansicht teilt, daß Vergil bezw, seine sibyllische Quelle nur aus ein e m — dem ägyptischen — Mysterienkreis geschöpft habe. Aber das ist durch Bolls Bedenken gegen den Zusammenhang zwischen Ekloge und ägyptischem Sonnenglauben1, namentlich aber durch Webers Hinweis auf die persischen und indischen Parallelen sowie auf die Bedeutung der XVviri für die Ekloge äußerst unwahrscheinlich geworden; es ist also anzunehmen, daß Vergil Elemente verbunden hat, die ursprünglich nicht mehr mit einander zu tun hatten, wie die Sage von Dido mit der Kyklopengeschichte oder der philosophischen Lehre vom Jenseits, die er in der Aeneis zu verschmelzen weiß. Wie dem aber sei — die Spuren mystischen Glaubens, die man im Judentum hat finden wollen, verweisen keineswegs auf einander: der Gott Ewigkeit, das Sonnwendfest Chanukka, der Jungfernsohn Isaak haben weder mit einander noch mit der Messiasidee das leiseste zu tun. Auch vom schwächsten Indizienbeweis ist also keine Spur zu finden. Dies negative Ergebnis hat aber natürlich seine positive Seite. Es gilt ja nicht nur, die Tatsache der Einwirkung fremder Mystik 1 DLZ. 1924, 3לל.