Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Messianismus und Mysterienreligion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829933-2832909--46465-2832956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
353 5. Jüdische Myslerienstimmung. Mystische Frömmigkeit unterscheidet sich von derjenigen der positiven Religionen durch ihre Grundauffassung des Verhältnisses von Gott und Mensch. Finden sich im biblischen Judentum Anklänge an die mystische Religionsauffassung? Kittel bejaht die Frage — ohne sich über die in jedem Falle verbleibenden Unterschiede zu täuschen. Schade nur, daß alles, was er über diese Unterschiede lehrt — insbesondere zwischen dem Quietismus der Mystik und dem ethischen Aktivismus der prophetischen Frömmigkeit — auf einer Fülle unbestreitbarer Tat- Sachen beruht, während für die angeblich mystischen Züge selbst nur schwache und unsichere Stützen aufzuzeigen sind. Was Kittel S. 84 f. über das Einswerden mit Gott sagt, ist durchaus zu billigen. ,,Männer Gottes“ kennt auch das Judentum: aber der Unterschied zwischen ihnen und den Helden des Mysterienglaubens ist (zumal doch die Wunder stets Gott, nie den Propheten zugeschrieben werden) derart, daß es sich nur um ,,äußerliche Berührung“ (Kittel 85) mit dem Mysterienglauben handelt. Lehrreich ist auch, was über das ,,Schauen Gottes“ gesagt wird, insbesondere der Nachweis, daß es ein solches Schauen in dem geistigen Sinn, in dem es natürlich auch Kittel in der Bibel versteht, schon in Aegypten und Babylonien gegeben hat1; aber ein solches Schauen, das sich aus der Betrachtung des Götterbildes durch Vergeistigung entwickelt haben mag, ist für die Mysterienreligionen nicht kennzeichnend. Aehnlich steht es mit der biblischen Jenseitshoffnung. Es verdient immerhin *Beachtung, wenn ein Gelehrter der kritischen Schule den Schluß des 17. Psalms (,,beim Erwachen darf ich mich sattsehen Deines Anblickes“) — mit Raschi — auf das Erwachen vom Todesschlaf bezieht. Stichhaltiger scheint die Deutung der berühmten Worte Ps 7325: ,,Wen habe ich im Himmel — und neben dir liegt mir nichts an der Erde“ auf jenseitige und diesseitige Seligkeit. Solche Verbundenheit mit Gott hat der Dichter nach Vers 17 durch den Eintritt in die מקדשי אל erlangt, also wohl, wie Jer 5161, die heiligen Hallen, das Heiligtum Gottes. Aber auch wenn man das Wort mit Kittel — ohne jede Parallele — als ,,heilige Lehren“ deuten dürfte, so wäre man durch die Uebersetzung der LXX fxuorrjpia &sou noch lange nicht berechtigt, an Mysterien im technischen Sinn zu denken; am wenigsten wäre es Kittel, der den Uebersetzungsfehler der LXX J es 714, wie wir wissen, auf Beeinflussung des Uebersetzers durch die Mysterienxeligionen zurückführt; ganz abgesehen davon, daß die hellenistischen Juden das Wort puaxrjpia nicht selten in ganz abgegriffenem Sinne brauchen, wie an der von Kittel herangezogenen Stelle Weish. Sal. 222 sicher den Gottlosen nicht Unkenntnis der Mysterien vorgeworfen wird. Kann also von einer Einwirkung der Mysterienreligionen auf die jüdische Frömmigkeit keine Rede sein, so könnte sich höchstens fragen, ob die Wirkung, die das Judentum allgemein auf die 1 Kittel 89, 2 gibt Literatur-Nachweise. Monatsschrift, 69. Jahrgang. 23