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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 6 · p. Seite 349

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 6
Article
Messianismus und Mysterienreligion
Date
1925-01-01
Page
Seite 349 (sequence 13)
Language
German
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349 Auch wenn etwa das ägyptische Wort für Leben einen besonders vollen Klang hat und alle Seligkeit einschließt, so mag es ganz wohl auf den Gebrauch von חיים an manchen Stellen gewirkt haben (vgl. Norden 119 ff., Kittel 86 ff.). Aber diese Feststellungen und Kombinationen berühren nicht den Kern unserer Frage. Verwertung von Wendungen beweist nicht die Uebernahme von Vorstellungen, am wenigsten bei Denkern von außergewöhnlicher Selbständigkeit, Es bleibt nach wie vor die Frage offen: stammt die Idee eines göttliehen Erlöserkindes und des Tierfriedens aus ägyptischer oder babylonischer Quelle? Schon dem Leser des Greßmannschen Buches muß auffallen, daß er weder hieroglyphische noch keilschriftliche Texte für die genannten Züge zu bringen vermag. Noch deutlicher wird der Tatbestand durch die Schrift von Dürr, der des Aegyptischen, des Assyrischen und des Hebräischen mächtig ist. Die Zusammen- Stellung und Prüfung der Texte (1—37) führt ihn zu dem Ergebnis, daß es in Aegypten überhaupt keine Weissagungen einer glücklichen Endzeit gegeben hat; höchstens hat man einem König in der Weise gehuldigt, daß man seine Ruhmestaten in der Form eines vaticinium ex eventu gefeiert hat. Aehnlich steht es in Babylonien, nur daß dort die Könige gern ״als von der Gottheit ausersehen und vorausbestimmt“ bezeichnet werden. Aber ,,von einem großen und wunderbaren gottmenschlichen Herrscher der Endzeit“ finden wir nach Dürr keine Spur; ״alles, was man bis jetzt von einer orientalischen Erlösererwartung redet, ist lediglich Konstruktion“1, Insbesondere fehlt natürlich jede Andeutung eines wunderbaren Knaben, an dessen Geburt der neue Aion geknüpft sei. Und gleiches gilt vom Tierfrieden. Die Glücksschilderungen halten sich durchaus in den Grenzen des in diesem Aion Möglichen (wie etwa diejenigen der Thora): ,,Die Aehre ward fünf Sechstel Ellen lang, die Ernte gelang, die Feldfrucht gedieh; es triefte die Fülle, Ueberfluß wurde aufgehäuft“ (Dürr 17). ״Inmitten von Stadt und Haus nahm kein Mensch die Habe seines Nächsten mit Gewalt weg; weder war da ein Räuber, der Blut vergoß, noch wurde eine Gewalttat verübt“ \S. 18). In diesem Stil sind sämtliche Schilderungen, die seither bekannt geworden sind, gehalten. Die von uns gesuchten Züge — Wunderkind und Tierfrieden — sind also nicht nur seither nicht aufgewiesen: sie würden in diese durchaus realistisch gehaltenen Schilderungen gar nicht hineinpassen. Man hat freilich geglaubt, daß die volkstümliche Vorstellung vom Tage Gottes aus sich unerklärlich sei und das Bestehen einer mythischen Vorstufe voraussetze. Auch dies — bei unserer geringen Kenntnis alt jüdischen Volksglaubens nicht gerade zwingende — Argument weist Dürr 38 ff. zurück. Aus dem Vertrauen auf Jhv als den Herrscher und Retter seines Volkes mußte sich ergeben? daß der Gottestag ein Tag des Heils und des Unheils war: des Heils für Israel, des Unheils für seine Feinde. Erst die Propheten haben — auch nach Dürr — diese rein nationale Hoffnung im ethischen Sinne umgestaltet und gerade Israel als Folge seiner Sünden das 1 Dürr S. 27, Anm. 33 nach Sellin.

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