Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Messianismus und Mysterienreligion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 vom hebraistischen Ufer her, Rudolf Kittel zu spannen gesucht״ Wir versuchen im folgenden, über ihre Forschungen kritisch zu berichten — unter gleichzeitiger Berücksichtigung der altphilologischen und der hebraistischen Grundlegung. Wir beschränken uns demgemäß — zugleich dem Interessengebiet dieser Zeitschrift entsprechend — auf die Grundfrage: finden sich im — biblischen und nachbiblischen — Judentum Spuren derselben E r 1 ö - sungslehre, die auch auf das klassische Altertum gewirkt, hat? Hören wir zunächst Kittel und Norden, die — im Beweisgang und in Einzelergebnissen von einander abweichend — beide zu einer b e j ähenden Antwort gelangen. Vergil weissagt in der vierten Ekloge das unmittelbare Bevorstehen einer Zeit des Friedens und Segens in Menschen- und Tierreich im Anschluß an die bevorstehende Geburt eines Knaben. Unter diesem Knaben verstand das Mittelalter Jesus, und in der Tat darf man nach Norden nicht auf einen Prinzen oder einen Sohn des angeredeten Konsuls Pollio raten: der Knabe, der als ,,Sohn des Juppiter“ angeredet und nach der letzten Zeile des Gedichtes ,,zur Tischgemeinschaft mit Göttern, zur Lagergemeinschaft mit einer Göttin“ berufen ist, muß ein überirdisches Wesen sein1. Woher hat nun der Dichter diese —ebenso unrömische wie ungriechische — Vorstellung des Götterkindes als Friedensbringer? Norden antwortet: aus der ägyptischen Eschatologie. Von hier aus hat sich die Verehrung des kindlichen Gottes Har Horus verbreitet; die befremdlichen Wendungen, daß das Götterkind ,,die Taten seines göttlichen Vaters lesen•* (Norden 134 ff.) und ,,Leben empfangen**" werde־'•''(Norden 121), entsprechen genau ägyptischer Redeweise. Nun weist aber Norden mit großem Scharfsinn darauf hin, daß Vergil zwei Zeitpunkte unterscheidet, zwischen welche der Amtsantritt des Konsuls Pollio fällt: einen bereits eingetretenen, ah welchem Apollon Helios die Herrschaft übernommen hat (tuusr iam regnat Apollo), einen zukünftigen, jedoch unmittelbar bevorstehenden, an welchem das Götterkind, zugleich aber eine ,,neue Weltordnung geboren werden wird*‘. Auch diese Teilung wird aus Aegypten verständlich. Nach dem Bericht des Kirchenvaters Epiphänios (Norden 24 ff.) feierte man in Alexandrien das' Geburtsfest des Sonnengottes am 24/5. Dezember durch einen mystischen Akt, bei dem die Gemeinde in die Worte ausbrach: ״Die Jungfrau hat geboren: zunimmt das Licht“. Ein zweites Fest wurde, gleichfalls in Alexandrien, in der Nacht vom 5/6. Januar begangen; diesmal lautete nach Epiphänios der Ruf: ,,zu dieser Stunde gebar heute die Jungfrau den Ai on“, d. h. die (neue) Zeit. Beide Feste, schließt Norden weiter, müssen aus vorchristlicher Zeit stammen. Das erste Fest hieß Kikellia: und ein Fest dieses Namens — ohne Angaben über seinen Ritus — finden wir bereits im Jahre 239/8 V. Gh. (Norden 25). Aber — so schließt Norden weiter 1 Auch wenn man Nordens Erklärung nicht in vollem Umfang anerkennt rgl. Deubner, Gnomon I 166 ff.), sind natürlich mythische Züge in Vergils* Siide unbestreitbar; und nur darauf kommt es für das folgende an.