Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Messianismus und Mysterienreligion
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 337 (sequence 1)
- Language
- German
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Messianismus und Mysterienreligion. Von I. Heinemann in Breslau. Es wandert eine schöne Sage Wie Veilchenduft auf Erden um; Wie sehnend eine Liebesklage, Geht sie bei Tag und Nacht herum. Das ist das Lied vom Völkerfrieden Und von der Menschheit letztem Glück; Von goldner Zeit, die einst hienieden —י Der Traum als Wahrheit kehrt zurück; Wo ewig alle Völker beten Zu einem König, Gott und Hirt; Von jenem Tag, wo den Propheten Ihr göttlich Recht gesprochen wird. Mit diesen^ Worten Gottfried Kellers schließt Eduard Norden1 sein Buch ״Die Geburt des Kindes“, das zur Deutung der Zukunftshoffnungen eines römischen Dichters die Eschatologie ägyptischer?and griechischer Mysterien, jüdischer Prophetien und urchristlicher Lehren heranzuziehen sucht. Aber wenn das Dichteiwort dafür spricht, daß allenthalben, wo Menschen wohnen, eben aus der geי• meinsamen Wurzel des Menschentums die verwandte Hoffnung aufsprießt, so glaubt Norden in Anknüpfung an ältere, weit zurückhaltendere Annahmen, daß zwischen diesen Eschatologien unmittelbare ursächliche Beziehungen bestehen, daß insbesondere ein ägyptisches Mysterium von einem göttlichen Erlöserkinde ihnen zugrunde liegt und auf den jüdischen wie den hellenistisch-römischen Kulturkreis gewirkt hat, So wird die geschichtliche Beziehung zwischen Vergil und Jesaja, an die das Mittelalter glaubte, in ungeahnter Weise wieder erneuert, wenn auch in völlig neuer Form: die Uebereinstimmung beider, die zur Erhebung Vergils unter die Propheten führte, beruht nicht darauf, daß. beide Christus geweissagt hätten, also nicht auf dem gleichen Blicke in die Zukunft, sondern auf der Wirkung der gleichen Vergangenheit, des gleichen Zaubers uralter Mysterienweisheit. Es gehört zu den unvermeidlichen Schwächen kulturvergleichender Untersuchungen, wie der vorliegenden, daß sie den Forscher nötigen, über sein Fachgebiet hinauszugehen und sich auf Forschungsgebiete zu wagen, deren Quellen ihm nicht zugänglich sind. Norden ist einer unserer führenden klassischen Philologen; und doch bildet die Altertumswissenschaft nur einen Pfeiler seines Gebäudes, die Hebraistik den anderen — und die Orientalistik den Bogen, der ־beide überspannt und verbindet. Den gleichen Bogen hat inzwischen, 1 Nur mit Verfassernamen werden im folgenden angeführt: Eduard Norden, Die Geburt des Kindes. Studien der Bibliothek Warburg III, Leipzig und Berlin, Teubner, 1924, 171 S. — Wilhelm Weber, Der Prophet und sein Gott, Beihefte zum Alten Orient Heft 3, Leipzig, Hinrichs, 1925, 158 S. — R. Kittel, Die hellenistische Mysterienreligion und das Alte Testament, Beiträge zur Wiss. vom A. T. Neue Folge, Heft 7, Berlin, Stuttgart, Leipzig, W. Kohlhammer, 1924, 100 S. — L. Dürr, Ursprung und Ausbau der israelitisch-jüdischen Heilandserwartung, Berlin, Schwetschke^ 1925, 161 S. Monatsschrift, 69. Jahrgang. 22