Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ibn Kammuna
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832727--46405-2832864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
306 eine Schrift mit den Worten ,,Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" beginnen, wenn ihm daran läge, daß sie unter frommen Christen zirkuliere? Man könnte auf den Gedanken kommen, daß es sich um eine Interpolation handle. Zwar steht unsere Handschrift in einem sehr nahen Verhältnis zum Original; aber schon der Schüler oder berufsmäßige Kopist des Ibn Kammuna, welcher nach Diktat das ,,Originalexemplar“ herstellte und ihm eine kurze Lobeshymne auf den Meister vorausschickte, könnte die mohammedanischen Segensformeln eingeflochten haben. Dem steht aber entgegen, daß diese Formeln sich nicht aus dem Zusammenhänge lösen lassen, also Eingriffe schwerster Art angenommen werden müßten. Ferner findet sich das gleiche in einer Schrift Ibn Kammunas über die Unsterblichkeit der Seele, die Goldziher in der Steinschneider-Festschrift kurz beschrieben hat; ob auch in andern Werken, bleibt noch festzustellen. Die genannten Indizien genügen aber wohl schon, um eine solche gewaltsame Lösung sehr unwahrscheinlich zu machen. Der folgende Erklärungsversuch wird nicht leicht jemanden befriedigen, mag aber doch hier Platz finden. Der Gebrauch der mohammedanischen Segensformeln ist in der Tat unverständlich, wenn Ibn Kammuna ein gläubiger Jude im traditionellen' Sinne des Wortes war. Das war er aber keinesfalls. Ein gläubiger Jude des Mittelalters konnte nicht ein Buch schreiben, in dem er, sei es auch nur zum Schein, andere Religionen mit der eigenen auf eine Stufe stellte, in dem er unter andern! das Christentum, dessen Dreieinigkeitslehre jedem mittelalterlichen Juden ein horror war, mit fremden und eigenen Argumenten verteidigte. Trotz seines wärmeren Eintretens für das Judentum, trotz seiner entschiedenen Polemik gegen den Islam müssen wir in Ibn Kammuna einen Mann sehen, dem alle Religionen entweder gleich viel oder gleich wenig galten. Ibn Kammuna war Philosoph, und zwar Anhänger der streng hellenischen, rein wissenschaftlich orientierten Richtung, welche kurz vor ihm ihren letzten berühmten Vertreter im Osten nach Alfarabi und Avicenna in Nasir ad-din Tüsi, dem Hofastronomen des mongolischen Eroberers Hulagu, gefunden hatte. Die Philosophen dieser Richtung bewerteten im Prinzip alle Religionen gleich: sie alle waren ihnen Werke der göttlichen Vorsehung, bestimmt, der Regelung des menschlichen Gemeinschaftslebens und somit mittelbar der Erhaltung des Menschengeschlechts, welches auf das Gemeinschaftsleben angewiesen ist, zu dienen; denn das Wesen der Religion bestand für sie in der Gesetzgebung1. Von diesem Standpunkt aus wird auch Ibn Kammuna zumindest theoretisch Christentum und Islam oder mit anderen Worten das Prophetentum Jesu und Mohammeds anerkannt und sich gestattet haben, die Namen beider mit den im Islam üblichen Segensformeln aus- 1 Vgl. besonders Alfarabi, Musterstaat ed. Dieterici (Leiden 1890) S. 70; Ibn Sina, Nagät ed. Rom S- 84 f., ed. Cairo S. 498 ff. (übers, bei Horten, Die Metaphysik Avicennas). Ibn Sina’s Theorie ist bei Tüsi zu Muhassal S. 158/159 als die der Philosophen (^אלחכמא) bezeichnet; im übrigen verteidigt T. den Islam gegen Juden- und Christentum, faßt auch den Sinn der Prophetie weiter als Ibn Sina.