Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Mischnatrakt Tamid
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 274 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832724--46367-2832832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
274 Oxford heißt es dagegen ותניא. Es ist kein Zweifel, daß das letztere richtig ist, Die erstere Lesart würde voraussetzen, daß der Satz eine Randbemerkung zu Tamid gewesen sei. Aber zu diesem Traktat, dessen Gegenstand gemäß seinem Titel das tägliche Opfer ist, konnte unmöglich hinzugeschrieben werden: ר״ש איש המצפה משנה בתמיד ״R. S. aus M. lehrte anders bezüglich des Tamid‘'; dagegen paßt die Ausdrucksweise vortrefflich hinter Tos. Seb. VI, 12, wo vom Ganzopfer und anderen Opferarten die Rede ist und der Gegensatz, der mit jenen Worten hervorgehoben werden soll, sehr verständlich ist. Tos. Seb. VI, 13 war also keine Randbemerkung zu Tamid, sondern im Verein mit Tos. Seb. VI, 12 eben eine solche zu Sebachim; ünd es ist hiernach die Lesart ותני עלה gegenüber ותניא zurückzüweisen. Man kann nun fragen, ob der Satz מאן תנא תמיד ר״ש איש המצפה aus den beiden Baraitot, die wir besprochen haben, erschlossen ist oder eine davon unabhängige Ueberlieferung darstellt. Wir halten das erstere für durchaus möglich; aber natürlich läßt sich hierin keine Sicherheit erzielen. Die Ueberlieferung, die die Scholiasten der Toseftaperiode veranlaßte, den Traktat Tamid als das Werk des R. Simeon aus Mizpa zu behandeln, konnte ja auch unmittelbar fortwirken. Hingegen war dem Amoräer, der den Satz מאן תנא תמיר bestritt, die lebendige Kenntnis der hier skizzierten Verhältnisse jedenfalls schon verloren gegangen. ־— Ist nun das Ergebnis richtig, daß ein bestimmter Traktat unserer Misehna in den Scholien mit einem Autorennamen zitiert wurde, so könnte man versucht sein, in der Tosefta oder in der Baraita- Literatur überhaupt nach analogen Erscheinungen Umschau zu halten. Wir glauben jedoch kaum, daß dem in größerem Umfang Erfolg beschieden wäre. Denn man darf nicht übersehen, daß Tamid allein oder vielleicht zusammen mit einigen wenigen anderen Traktaten innerhalb unserer Misehna eine Sonderstellung einnimmt. L. Ginzberg hat in einer diesem Traktat gewidmeten wertvollen Untersuchung1 darauf hingewiesen, daß es in Tamid keine Kontroversen gebe. Wenn man von drei Stellen absieht, die später — z. TI. in nachtalmudischer Zeit — hinzugefügt sind, so fehlen nach Ginzbergs Nachweis jene sonst so häufigen Bemerkungen, mit denen unter Nennung eines Namens der Text der Misehna bestritten oder auch bestätigt wird — und dies obgleich der Traktat Sätze enthält, von denen anderweitig feststeht, daß sie nicht die allgemeine Zu- Stimmung der Tannaiten gefunden haben. Ginzberg geht vielleicht ein wenig.zu weit, wenn er hieraus folgert, daß Tamid nicht derselben Redaktion wie die übrigen Traktate unterworfen gewesen und nicht schon von Jehuda han-Nassi in die Misehna aufgenommen worden sei. Aber soviel scheint doch auch uns bewiesen zu sein, daß Tamid eine besondere Ueberlieferungsgeschichte gehabt haben muß, daß es jedenfalls noch nicht einen Bestandteil der Misehna des R. Akiba gebildet hat, dessen Schüler anderwärts im Text unserer Misehna 1 Studies into the origin of the Mishnah. 1: Tamid, the oldest treatise of the Mischnah. Ark Publ. Comp. Cincinnati 1920. Reprint from Journal of Jew. Lore and Philos. Vol. 1, 1919.