Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zwei Beispiele midraschischer Predigt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 13)
- Language
- German
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270 die Gerechten von Abraham her ist sie von Himmel zu Himmel herniedergeführt worden, um dann in der Stiftshütte ihren. Bereich zu gewinnen und in den Heiligtümern Israels, in seinen Synagogen und Lehrhäusern zu bleiben. Die Zeit der Erfüllung ist nicht mit Christus erst gekommen, sondern sie hat am Sinai begonnen, diese Zeit, da Gott wieder auf Erden sein Gebiet hat. Israel ist der neue Adam1. Dies ist das^Thema der Predigt; sie greift in die Frage hinein, die ein Existenzproblem des palästinensischen Judentums damals war, die Frage, wer das Volk Gottes sei, das jüdische Volk oder die Kirche2. Schon räumlich fast war damals, wo die Kirche in Palästina Boden gefaßt hatte3, vor den jüdischen Prediger diese Frage hingestellt. Aus der Notwendigkeit des Kampfes ist die jüdische Predigt ganz wesentlich hervorgegangen. Gewiß hatte sie auch die Aufgabe der reinen Belehrung, die nichts abwehren und nichts angreifen will, sich gestellt, gewiß lebte in ihr auch die reine Freude am bloßen Erklären und Deuten wie am bloßen Erzählen und Dichten. Aber schon das Targum, das ja auch in das Gebiet der Haggada hineinreicht, wird verständlich erst, wenn man weiß, wovon es abgrenzen und was es abweisen will. Ganz so und in noch viel höherem Maße hat die Predigt den starken Impuls dadurch erfahren, daß sie sich immer wieder vor das Gebot hingestellt sah, das Judentum zu sichern gegen Verlockungen und Angriffe, gegen scheinbar verwandte wie gegen fremde Gedanken, gegen Lehren, die ihm neuen Reichtum zu bringen verhießen, wie gegen Sätze, die ihm sein religiöses Eigentum und sein Recht bestritten. Eine Aufgabe und ein Thema hat sie dadurch immer neu erhalten. Das ist ja auch ein Grund, weshalb die Predigt Palästinas so viel reicher und bedeutungsvoller ist als die Babylons. Die Juden Babylons lebten im großen ganzen fern von den Feldern des religiösen Kampfes jener bewegten Zeit4. Die Juden Palästinas standen in dem großen Gebiete des Ringens, sie sahen sich auf ihrem eigenen Boden immer wieder bedroht. Wohl nur selten konnten sie sich von der Welt, in der neue religiöse Mächte erwachsen waren, abwenden, um den Blick innerhalb des Bezirkes des Judentums festzuhalten. Wenn sie ihre Religion bewahren wollten, mußten sie vor allem gegenüber den gnostischen und den christlichen Lehren ihren Standpunkt gewinnen und ihn vertreten. Von diesem Gebote der Selbstbehauptung empfing die Predigt — und die Predigt ersetzte in der Zeit der mündlichen Lehre das Buch — ihre Richtung. Man konnte hier nicht ein Judentum predigen, das von den Gedanken der Welt nichts weiß oder sie nicht beachtet. 1 Von Israel wird dasselbe gesägt, wie von den ersten Menschen im Garten Eden: es Ist במחנה השכינה und במחיצתו של ■ הקבדה s. Bern. r. XIH. 2 Vgl. I Petr 29 f.; Hebr 216; Jak lt etc. Vgl. meine Ausführungen in Maybaum ־ Festschrift 166. — Es lag vielleicht nahe, daß besonders die Chanukkapredigt, gegenüber der Weihnachtspredigt, sich diese Frage zum Thema nahm. 3 S. Harnack, Mission und Ausbr. des Chr. 422 f. 4 Vgl. über religiöse Polemik in Babylon Grätz, Gesch. d.. Juden IV2, 402 f.