Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zwei Beispiele midraschischer Predigt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 14)
- Language
- German
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271 Die Predigt jener Zeit wendet sich daher zumeist an jemanden oder gegen jemanden. In den Sammlungen von Predigten, die wir mehr oder minder fragmentarisch in unseren Midraschim vor uns haben, ist dieser allerdings nicht bezeichnet, das Ziel der Verteidigung oder des Angriffs wird nicht herausgehoben. Daß es nicht geschieht, entspricht nur der literarischen Art in der Tradition der mündlichen Lehre. Man wollte ja auch an dem Prinzip festhalten, daß alles sich von selbst aus dem einen Buche ergebe, neben dem man kein anderes Buch anerkannte; das Prinzip der damaligen jüdischen Predigt ist, wenn dieses Wort gebildet werden darf, der Monobiblismus, der dem Monotheismus entspricht. Auch darum wohl beschränkte sich die Tradition auf das, was ihr das Wesentliche war, auf das, was eben dieses eine Buch, richtig erklärt, über irgendein Problem sagte. Man nannte die fremden Lehren nicht, gegen die diese Erklärung sich kehrte. Die, zu denen einst gesprochen wurde, erfuhren von ihnen oder wußten von ihnen; vor den Zuhörern stand deutlich das Ziel, die Pointe der Predigt. Wenn wir die Predigt verstehen wollen, wie sie damals verstanden wurde und verstanden werden wollte, müssen wir darum in vielen Fällen vorerst zu erkennen suchen, gegen wen sie sich richtet, und damit tritt dann erst das Thema hervor, dem die homiletische Erklärung derTextverse dienen sollte. In so mancher Predigt finden wir dann auch, mehr als man es bisher wußte, das Zeugnis geistigen Kampfes mit dem Christentum. Von der Auseinandersetzung zwischen den beiden Religionen schien bisher nur das christliche Schrifttum jener Jahrhunderte uns die Kunde zu geben; nur die Stimmen von drüben schienen zu uns zu dringen. Aber wir können auch von der jüdischen Seite her sie vernehmen. Zwei Beispiele sollten dies hier dartun und zugleich zeigen, daß in unseren Midraschim durchgeführte Themen und damit Predigten und nicht bloße Proömien überliefert sind. Zum Mischnatraktat Tamid. Von Arthur Spanier in Berlin. Zu den wenigen Mischnatraktaten, für die der Talmud Hinweise auf ihre Entstehungsweise gibt, gehört der Traktat Tamid. Von ihm heißt es jer. Pes. II, fol. 39d49 ,א״י יוחנן תמיד דר שמעון איש.המצפה היא .und entsprechend bab. Joma 14b אסר רב הונא מאן תנא תמיר ר״ש איש המצפה נהוא]. Eine Begründung des Satzes wird freilich weder an der einen noch ah der anderen Stelle gegeben, wohl aber wird gegen ihn im babylonischen Talmud der Ein wand erhoben, daß eine ausdrücklich dem R. Simeon aus Mizpa zugeschriebene Baraita zu einer bestimmten Stelle in Tamid in Widerspruch stehe. Es scheint nun, daß wir in diesem Fäll einmal die Möglichkeit haben, uns unabhängig von der Gemara an der Hand des überlieferten Materials ein Urteil über die Streitfrage zu bilden. In der talmudischen Literatur gibt es nämlich nur zwei Baraitot, als deren Autor oder Tradent jener Tanxiait genännt wird. Beide stehen in