Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zwei Beispiele midraschischer Predigt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 2)
- Language
- German
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259 ,,Peticha“ nahegebracht worden war1, und die noch zuletzt ihre Stütze in der Autorität Bachers gefunden hatte2, daß nämlich in unseren Homilienmidraschim nicht sowohl Predigten als vielmehr nur Proömien zu Predigten gesammelt seien. Ist dies der Ausgangspunkt, dann kann sich die Betrachtung im wesentlichen nur auf das Formelle richten, auf die ־ Introduktions- und Schlußformeln, auf die Bestandteile und den Bau des Proömiums, und als das Wesentliche, als der ,,Kern“ der Peticha erscheint dann die Auslegung des Proömialtextes und die ihr dienende Anknüpfung desselben an den Perikopentext. Was sich hier ergibt, ist in umfassender Weise vor allem von Theodor und Bacher aufgezeigt worden. Aber die Frage, welche die entscheidende sein müßte,, ob die Textauslegung denn wirklich Selbstzweck sei oder nicht vielmehr bloß Mittel zum Zweck, zu dem Zwecke der Behandlung eines Themas, und dieses zu findende Thema der wahre Inhalt, der ,,Kern“ der Peticha sei, ob die sogenannte Peticha also in Wahrheit nur eine Einleitung bedeute und nicht vielmehr eine Predigt, diese Frage blieb unerörtert3. Die Theorie vom bloßen Proömium bestimmte von vornherein das Urteil. Eines schon hätte gegen sie bedenklich machen müssen: die Tatsache, daß die alte Sammlung unserer Homilienmidraschim auf dieselbe Schule, die Schule von Tiberias, zurückgeht4, aus welcher der jerusalemische Talmud stammt; bereits in der Häufigkeit und der Art der Wiederholungen5 zeigt sich übrigens diese Gleichheit. Es ist doch kaum anzunehmen, daß die Schule, die als Sammlerin der Halacha immer, bei aller Kürze und aller Beschränkung auf Hinweise oder Andeutungen, doch ein logisches Ganzes bot, sich in der Sammlung der Predigten mit der bloßen Feststellung der Einleitungen begnügt haben sollte. Die Behauptung, daß dies deshalb der Fall wäre, weil das Proömium allein das Wechselnde und die Ausführung der eigentlichen Predigt ein Stereotypes gewesen sei6, läßt sich wohl kaum halten. Schon deshalb nicht, weil die Voraus- Setzung, von der sie ausgeht, daß uns nur Proömien erhalten sind, es ausschlösse, daß wir etwas von der Beschaffenheit der Predigten wüßten. Auch ein weiterer Vergleich zwischen der halachischeh und der haggadischen Ueberlieferung kann gegen jene Theorie sprechen. Es läßt sich nämlich nicht verkennen, daß wir eine besondere Form zunächst der Ueberlieferung der tannaitischen Haggadot haben. Sie zeigt, so wie sie außer in den tannaitischen Midraschim *and den 1 Vgl. Theodor in Monatsschr. f. Gesch. u. :Wiss. des Jud. 1879, 168 ff.; Lerner in Magazin f. d. Wiss. d. Jud. 1880, 157 ff. und 1881, 30 ff.; Maybaum, Die ältesten Phasen in der Entwicklung der jüdischen Predigt, 9 f. u. 14 ff. 2 Bacher, Die Proömien der alten jüdischen Homilie 1 ff. u. 26 ff. 3 Die Peticha war als ,,perikopische Homilie“ aufgefaßt worden von Bloch in Monatsschr. f. Gesch. u. Wiss. des Jud. 1885, 260 ff.; er war auf die Frage des Themas jedoch nicht eingegangen. , 4 VgL Bacher, Agada der palästinensischen Amöräer III, 502 ff. 5 Ueber die Wiederholungen im Jeruschalmi vergl. J.ewish Encyclopaedia 12, 6 f., über die in den Midraschim braucht nur auf die Anmerkungen in. den Ausgaben von Buber, Friedmahn und Theodor hinge wiesen zu werden. 9 Maybaum, a. a. O., 35 f. 17*