Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hiobdichtung und Hiobsage
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832720--46333-2832805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
247 letzten Rede erklärt er, nun nicht weiter mit den Freunden rechten, sondern sich mit seiner Anklage direkt gegen Gott wenden zu wollen. Nach dieser Herausforderung erscheint nunmehr Gott selbst, und in Gottes Rede, die auch inhaltlich der Schwerpunkt des Ganzen ist, da sie nach Verwerfung aller anderen Meinungen die endgültige Lösung bringen soll, zeigt sich auch des Dichters Meisterschaft, ein Thema vielseitig zu gliedern und auszugestalten, am herrlichsten1. Hiob soll durch die Betrachtung von Gottes Schöpfergröße diesen erst recht erkennen und zur Demut geführt werden. Gott läßt zunächst an Hiob die Schöpfung in Form von Fragen vorüberziehen. Hiob soll sagen, ob e r diesen gewaltigen Weltenbaü beherrschen könnte, ja, ob er ihn auch nur kenne und wisse, von wem und wie er geschaffen sei und noch heute geleitet werde. Aber diese Fragen erheischen auch eine Antwort; und auch die hat sich, zwar nicht an ihrem Platze, aber an verschiedenen unpassenden ,Stellen des Dialogs verstreut, erhalten. Wer soll jedoch diese Antwort geben? Gott selber kann es nicht: als Partei will er nicht für sich selbst zeugen. Auch auf menschliches Zeugnis kann er sich nicht berufen. Denn der Mensch vermag zu Gottes Schranken nicht zu dringen. Wie sollte er wissen, was in Himmelshöhen und Meereätiefen geschieht! (ll7-9.) Darum beruft sich Gott auf das Zeugnis der Tierwelt, die in ihren verschiedenen Formen weit über des Menschen Bereich hinausdringt: ,,Frage aber die Tiere, sie werden dir sagen, die Vögel des Himmels dir verkünden, Der Erde Gewimmel dir berichten und dir erzählen des Meeres Fische: ,,Wer wüßte nicht von alledem, daß Jhvhs Hand es geschaffen?“. (127-9•) Und nach dieser Einführung berichten in der Tat die Tiere von Gottes Schöpfertaten in der Urzeit. Aber nur für die Taten der Vergangenheit braucht Gott die Tiere erzählen zu lassen. Sein Wirken in der Gegenwart jedoch führt er Hiob in einem Gewitter leibhaftig vor Augen. Und die Tiere, die noch weiter das Wort führen, brauchen Hiob nur zur Aufmerksamkeit auf Gottes Wunder zu mahnen — ,,Höre, Hiob, und sieh* und merk״ auf die Wunder Gottes!“ (3717) — und die Vorgänge der Natur mit erklärenden Schilderungen zu begleiten. An diesem Punkte gewinnt die Dichtung in der Tat dramatischen Charakter. Am Ende aber haben die Tiere selbst noch eine Frage an Hiob, die ihm zugleich auch die abschließende Antwort bringen soll: Kennst du den Ort der Weisheit? Weißt du, wo der Wunderbaum göttlicher Weisheit steht? Sieh, dies wissen auch wir nicht, kein Mensch, kein Tier und kein Vogel. Aber — so wird weiter in typischem Märchenstil berichtet — man hat zum Meer geschickt, und als auch das es nicht wußte, zu Tod und Unterwelt. Und diese hiermit eingeführten letzten und berufensten Zeugen können, wenngleich 1 Den Beweis für die hier gegebene Rekonstruktion des Schlusses der Dichtung s. in m. Kommentar.