Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hiobdichtung und Hiobsage
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 2)
- Language
- German
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235 Dieses absichtliche Festhalten an der Prosa für die Erzählung läßt sich nicht anders als aus dichterischer Tradition, dem poetischen Herkommen erklären1. In der Tat■ ist es uns bekannt, daß auch sonst in der prosaischen Erzählungsliteratur der Bibel die Dar- Stellung dort, wo Ansprachen gegeben werden, in gehobene oder poetische Sprache übergeht. Man kann das leicht aus der Art des Vortrags der alten Erzählungen verstehen. In den im Gesinde- oder Freundeskreis immer wieder erzählten Geschichten bildete die Zuspitzung der Szenen zu Gesprächen, wie ähnlich noch heute besonders bei Märchenerzählungen im Orient und Okzident, die Gipfelpunkte der Erzählung, wo die Zuhörer, von ihrer Empfindung fortgerissen, im Chore mit einzufallen pflegten. Dadurch gewannen die Reden in der Erzählung typische, gebundene, durch starke Empfindung gehobene poetische Form, deren Entstehung im Einfallen des Chores auch im Parallelismus zum Ausdruck kommt, der das einmal durch den Erzähler Vorgetragene mit anderen Worten noch einmal wiederholt2. Die biblische Poesie ist, dafür spricht auch sonst vieles, ursprünglieh weniger im Einzelals im Wechselgesang entstanden, und die Spuren dieser Entstehung trägt sie auch dann noch, als das Lied des Einzelnen längst zu hoher Entwicklung gelangt war. Darum greift die für den Wechselgesang geschaffene Form des Parallelismus beherrschend auch auf Einzeldichtungen über. Darum bleibt es literarischer Brauch, in epischer Darstellung nur die Reden poetisch auszubauen, und darum schafft die biblische Poesie kein Epos, obgleich es ihr weder an Stoff und an der Lust zu fabulieren, noch an poetischen Ausdrucksmitteln fehlt. Darum entwickelt sich aber auch die Uebung, die Reden innerhalb der Erzählung, in denen der poetische Schwung sich frei betätigen darf, weiter und weiter auszugestalten, bis die Erzählung zur. Einkleidung, zum Rahmen wird, der hinter dem poetischen Kern verschwindet, und bis so jene Gattung der umrahmten oder Fülldichtungen entsteht, für die das Buch Hiob uns Beispiel ist. Ist hiermit die literarische Gattung der Hiobdichtung — deren Verhältnis zu den Rahmenerzählungen bei anderen Völkern hier unbesprochen bleiben muß — richtig gedeutet, so ist damit zugleich gezeigt, daß das Hiobgedicht in dieser Form nicht allein, sondern am Endpunkt einer langen Entwicklungsperiode gestanden hat, ja daß diese literarische Gattung im alten Israel wie sonst im Orient recht beliebt und eifrig gepflegt war. Dies beweisen nicht nur die zahlreichen Gedichte in den kanonischen und apokryphen Schriften, die als, poetische Redeeinlagen in biblische Erzählungen gedacht sind, sondern auch ganze Erzählungen wie das apokryphe Tobitbuch oder der in unserem Jahrhundert in aram. Abschrift . 1 Siehe schon m. Aufsatz ,,Zur historischen Erklärung der althebr. Rhythmik“ (abgeschlossen 1922) in der Festschrift für Paul Haupt. 2 Die Form des Parallelismus erklärt sich in der Hauptsache daraus, daß der Chor der Zuhörer ein Thema aufgreift, das ein Vorsänger angestimmt hat.