Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hiobdichtung und Hiobsage
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 1)
- Language
- German
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234 Hiobdichtung und Hiobsage. Von H. T 0 r c z y n e r in Berlin. In gleich einfacher Weise wie so viele Legenden auf verschiedenen Religionsgebieten behandelt auch die fromme Erzählung, die das biblische Buch Hiob umrahmt, die Frage vom Leiden des Gerechten. Um Hiob, hebr. Ijjobh, zu prüfen, hat Gott sich vom Satan die Erlaubnis ablisten lassen, ihm Schlag auf Schlag seinen ganzen Besitz an Vieh und Sklaven, seine zahlreichen Kinder zu rauben und endlich ihn selbst mit schwerem unheilbarem Aussatz hoffnungslos niederzuschlagen. Gleichwohl bleibt Hiob fromm und gottergeben, auch dann noch, da sein eigen Weib — vielleicht auch seine Freunde — ihn auf fordern, sich von Gott loszusagen und durch Lästerung den letzten — befreienden — Todesschlag herbeizurufen. Dafür wird sein Vertrauen am Ende auch belohnt. Gott ersetzt ihm seinen Verlust, schenkt ihm Gesundheit und Vermögen wieder und gewährt ihm reicheren Kindersegen als Hiob vorher besessen. Diese Erzählung erscheint aber im biblischen Hiobbuch in wesentlich erweiterter und auch veränderter Gestalt. In Prosa wird die Fabel selbst nur als Einkleidung erzählt. Da aber Hiobs drei Freunde erschienen sind, um ihn zu trösten, da öffnet er — ein anderer als der fromm vertrauende Dulder der Legende — seinen Mund zu Klagen, die in Anklagen gipfeln gegen Gott, der nicht nur in Hiobs Falle, sondern in seinem ganzen Weltregiment Macht vor Recht gehen lasse. Und so entwickelt sich ein gewaltig kühner, sprachlich wie gedanklich gleich vollendeter, poetischer Dialog über die Frage der Gerechtigkeit Gottes, worin Hiob Gott anklagt, die Freunde ihn verteidigen. Vergeblich aber ist all ihre Bemühung; Hiob scheint recht zu behalten. Da erscheint der Herr selbst, und er erst führt Hiob durch seine eindringlichen Worte zum reuigen Bekenntnis seines Irrtums. Es ist ein Werk von höchstem religionsgeschichtlichen Interesse, das die Bibel in diesem größten Denkmal althebräischen Dichtens und Denkens uns erhalten hat. Um aber seine Stellung in der Geschichte menschlichen Ringens mit dem Gottheitsproblem richtig beurteilen zu können, muß erst sein literarischer Charakter, seine geschichtliche Stellung in der althebräischen Literatur und die Absicht des Dichters klargestellt werden, ehe ein historisches Urteil über den Inhalt möglich ist. Literaturgeschichtlich hat man das Buch Hiob ob des lebendigen dramatischen Entgegentretens der Personen bisweilen geradezu ein Drama genannt. Das ist es nicht. Denn eben das, was Namen und Wesen des Dramas ausmacht, dpäfia die Handlung, steht hier gleichsam außerhalb der Dichtung und ist in erzählender Prosa wiedergegeben. Mit deutlicher Absicht beläßt der Dichter der Handlung ihre prosaische Form, obgleich er auch sie ersichtlich in seiner Sprache wieder gibt, obgleich er der dichterischen Kraft zur poetischen Umgestaltung auch des Erzählungsstoffes gewiß nicht ermangelte und obgleich er endlich auch innerhalb der Prosa es nicht unterläßt, auch der kürzesten gesprochenen R e d e poetische Form zu geben.