Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 27)
- Language
- German
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221 und Unterwürfigkeit zu Tugenden stempelt und den Armen als solchen zum Frommen macht. In einem wieder etwas anders nuan- ,eierten Sinne ist die Ethik plebejisch, die List und Verschlagenheit als die legitimen Waffen des Schwachen ansieht. Bei Weber wird die Sittlichkeit der Propheten den letztgenannten Arten eines plebejischen Ethos mehrfach sehr nahe gerückt. In Wirklichkeit hat sie nichts mit ihnen gemein, auch nicht in dem Punkte, in dem sie sich mit ihnen zu berühren scheint, in der Verherrlichung .der Demut. Die Sittlichkeit der Propheten hat einen heroischen Zug, der .sich, nicht nur als Heroismus des Leidens äußert. Das Bewußtsein, die Sache Gottes zu vertreten, gibt den Propheten selbst den Mut zu ihrem leidenschaftlichen Kampfe gegen die israelitischen Machthaber und wirkt ebenso in den Makkäbäerkämpfen und. dem Barkochbakriege. Auf dieser Grundlage erwächst aber auch in den Zeiten geduldigen Ausharrens in der von Gott verhängten Lage ein Würdegefühl, das dem vulgären ,,plebejischen“ Ethos wesens- ,fremd ist. Gewiß gleitet dieses Ethos bei. den Massen unter dem Einfluß dauernden Drucks leicht in das spezifische Plebejische ab, und es setzt sich der religiösen Ethik des Judentums eine Alltags^ ethik sehr kleinbürgerlichen׳ Charakters an, aber sie verdrängt niemals die genuinen Kräfte der religiösen Sittlichkeit. Die Besonderheit, der seelischen Entwicklung des Judentums liegt vielmehr eben in der Spannung zwischen der Innerlichkeit seiner religiösen Ethik und ihrer Verflachung zur Sittlichkeit des Kleinbürgers. Als ein ferneres Erbe übernimmt nach Webers Meinung das nachexilische Judentum den vor allem für sein ökonomisches Verhalten wichtigen Dualismus von Binnen- und Außenmora.1. Weber bemüht sich gerade an dieser Stelle besonders um ein objektives und vorurteilloses Eindringen in die jüdische Ethik. Er erkennt an, daß die jüdische Ethik von der ihr oft nachgesagten spezifischen Fremdenfeindschaft durchaus frei ist. Einen Unterschied von Binnen- und Außenmoral findet er in ihr nur in demselben Sinne wie in der Wirtschaftsethik aller anderen Religionen einschließlich des antiken Christentums und hebt hervor, daß die Rabbinen ,,höchst nachdrücklieh ein rechtliches und ehrbares Verhalten der Juden gegenüber den Wirtsvölkern“ gefordert haben. Der Unterschied der Binnen- und Außenmoral beschränkt sich seiner Meinung nach auf ökonomischem Gebiet in der Hauptsache darauf, daß das Zinsverbot und die übrigen sozialethischen Maßregeln der Bibel nur dem Juden gegenüber gelten. Auch in dieser Form aber hält er den Dualismus für außerordentlich konsequenzenreich. Die Tatsache, daß ein an sich verwerfliches Verhalten wie das Zinsnehmen dem Nichtjuden gegenüber erlaubt war. mußte zumal in Verbindung damit, daß nach dem Talmud in einzelnen Fällen (z. B. bei der Ausnutzung des Irrtums eines anderen) dem Nichtjuden gegenüber ein illegales Verhalten rechtlich gestattet war, in der Praxis zu einer Laxheit der Wirtschaftsmoral führen, die durch die Ermahnungen zur Rechtlichkeit nur unzulänglich bekämpft wurde. Jedenfalls, aber konnte das Wirtschaftsleben nicht, wie etwa im Puritanismus, zum Gebiet ethischer und religiöser Bewährung werden. Die Puritaner bemühen sich, ihre ethische Ueberlegenheit über die Gottlosen insbesondere