Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 26)
- Language
- German
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220 schaf tlich präzisen Sinn ist der Begriff also auf die Juden unanwendbar und bei Weber selbst unterschiebt sich ihm im Laufe der Darstellung die vulgäre Bedeutung des Wortes, an der nichts bestimmt ist als ihr detractiver Sinn. Nicht nur weil der Ausdruck für das Selbstgefühl des Juden unerträglich, sondern weil er wissenschaftlich irreführend ist, ist zu hoffen, daß er sich in der soziologischen Terminologie kein Bürgerrecht erwirbt. Wenden wir uns indessen von dem Wort zur sachlichen Auffassung Webers zurück. Sachlich ist es durchaus zutreffend, wenn Weber die Juden der nachexilischen Zeit ein rituell von der sozialen Umwelt geschiedenes Gastvolk nennt, und er zeigt ausgezeichnet, wie in der Vorbereitung dieses Zustandes die Propheten, die für die Konfessionalisierung des Judentums die religiösen Grundlagen schaffen und die priesterlichen Kreise, welche die absondernden Momente des Rituals scharf herausbilden, Zusammenwirken (S. 353—355, 366—370). Die soziologischen Konsequenzen dieser Lage hat Weber in dem ausgeführten Teil seines Werkes freilich weitaus nicht erschöpfend entwickelt und hier ist eine Ergänzung seiner Arbeit unbedingt erforderlich. Dagegen legt er großen Wert darauf, zu zeigen, wie das dieser Lage entsprechende Ethos schon in der vorexilischen Religion Israels und besonders bei den Propheten vorgebildet ist. Hierher gehört seine bereits besprochene Ansicht von dem plebejischen Charakter der Forderung der Demut und des Gehorsams und der daraus resultierenden Ablehnung alles Vertrauens auf die eigene Kraft und Leistung. Sofern diese These nur besagt, daß ein derartiges Ethos am leichtesten in einer plebejischen Schicht durchdringen konnte, ist sie ohne Zweifel einleuchtend. Und auch darin trifft sie das Rechte, daß in ihm dem nachexilischen Judentum die Möglichkeit gegeben war,, sich mit.seiner ohnmächtigen Lage abzufinden, ohne sich innerlich aufgeben zu müssen. Für die Selbst- Sicherheit einer aristokratischen Ethik war hier kein Platz und nur die Ethik der Demut und des Gottvertrauens ermöglichen dem nachexilischen Judentum seine moralische Selbstbehauptung. Allein die Unterordnung unter den vieldeutigen Begriff der Plebejer- und Pariavolks-Ethik bringt'die sich bei den Propheten vollendende religiöse Sittlichkeit Israels in die Nachbarschaft von Erscheinungen, mit denen sie nichts gemein hat. ,,Plebejisch“ in dem von Weber hier gemeinten Sinne sind alle Formen der Sittlichkeit, die den Bedürfnissen einer unter sozialem Druck lebenden Gruppe zu genügen vermögen oder unter dem Einfluß solchen Drucks entstehen. Das trifft aber auf sehr verschiedenartige Formen der Sittlichkeit zu. Weber spricht in diesem Zusammenhänge gelegentlich auch von der Konzeption des leidenden Gottesknechts, die ihm eine Verherrlichung der Pariavolkslage Israels ist. Die sich in dieser Gestalt ausprägende Religiosität ist sicherlich unter dem Einfluß des Leidens erwachsen, aber derart, daß sie der Tatsache des Leidens des Unschuldigen einen religiösen Sinn abgewinnen will. Von dieser sublimen Konzeption vollständig verschieden ist die Art der Religiosität und Sittlichkeit, die aus dem Bestreben einer sozial ohnmächtigen Schicht entspringt, sich für ihre Lage dadurch schadlos zu halten; daß sie die ihr auf gezwungenen Eigenschaften der Schmiegsamkeit