Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 5 · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 5
Article
Max Webers Soziologie des antiken Judentums
Date
1925-01-01
Page
Seite 219 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832716--46300-2832777
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

219 tischen Weissagungen gewesen. In verschiedenen Formen war immer nach dem Unheil eine Zeit des Heiles angenommen worden. Die Erfüllung der Unheilsweissagung mußte die Autorität auch der Heilsverkündigung sichern. Sie schuf die Grundlage für den Sieg der Zukunftshoffnungen, ohne den der Fortbestand des Judentums nach dem Exil nicht möglich gewesen wäre. Nicht damit allein aber hat die Prophetie die Grundlagen zum nachexilischen Judentum gelegt. In der Ausbildung des Erwählungsgedankens hat sie die Voraussetzungen für die Konfessionalisierung des Judentums geschaffen oder, wie wohl richtiger zu sagen ist, die bereits in der pentateuchischen Geschichtserzählung erkennbare Tendenz zum Abschluß gebracht. Schließlich aber wirkt auch die spezifische Färbung ihrer ethischen Gesinnung in gleicher Richtung. Die Ethik der Demut und des passiven Gottvertrauens hat einen spezifisch ״plebejischen*‘Charakter, nicht in dem Sinne, als ob sie plebejischen Ursprungs wäre, wohl aber insofern als sie sich am leichtesten in einer plebejischen Schicht durchsetzen kann und ihrer inneren Verfassung am ehesten entgegenkommt. Dem Würdegefühl einer aristokratischen kriegerischen Schicht mußte diese Haltung notwendig widerstreben (S. 295, 334, 386). Schon in der vorexilischen Zeit sind es darum vorwiegend Plebejerkreise, die für diese Gesinnung und die von ihr aus bestimmte Religiosität empfänglich sind. Vor allem aber entspricht sie der politischen Lage des nachexilischen Judentums, sie ist die naturgemäße Denkweise des jüdischen ״Pariavolkes“. Wir wissen bereits, daß Weber die Juden der nachexilischen Zeit soziologisch als Pariavolk charakterisiert. Dem Begriff des Pariavolkes bestimmt Weber zunächst ganz ohne jeden Wertakzent als ״ein rituell, formell oder praktisch, von der sozialen Umgebung geschiedenes Gastvolk“. (S. 3). Im Anschluß an diese Definition hebt er aber sogleich hervor, daß sich das Judentum von den indischen Pariastämmen, von denen der Begriff entnommen ist, in wichtigen Zügen unterscheidet und nennt als ersten Unterschied, daß es ״ein Pariavolk in einer kastenlosen Umwelt war“ (S. 5). Schon das genügt, um die Verwendbarkeit des Begriffs in seinem technischen Sinne fraglich zu machen. Denn es besagt zugleich, daß die rituelle Absonderung im Gegensatz zu den indischen Paria- Stämmen keine erzwungene sondern eine selbstgewählte war. Das ist in seinen sozialen wie in seinen psychologischen Konsequenzen offenbar etwas radikal Anderes. Sozial sind die Angehörigen eines sich freiwillig rituell abschließenden Volkes nicht, oder doch nicht notwendig, in Berufswahl und Klassenzugehörigkeit beschränkt, wie ja die Juden in der Tat innerhalb der Diaspora in allen sozialen Schichten vertreten sind. Psychologisch braucht die freiwillige Absonderung das Selbstbewußtsein nicht wie die erzwungene zu beeinträchtigen. Die jüdische Absonderung wird in der Antike bekanntiich überwiegend als Ausdruck des Hochmuts der Juden gedeutet. Auch die Tatsache der Judenverfolgungen und selbst die bei den christlichen und mohammedanischen Völkern vorherrschende Herabdrückung ihrer rechtlichen Stellung ergibt keine Analogie zu dem spezifischen Charakter der Pariastellung. In seinem wissen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.