Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832716--46298-2832775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
217 einflussen konnte. Neben den von König und Adel abhängigen Kult- Stätten mag es auch solche gegeben haben, die von ihrem Einfluß unabhängig und von anderen Volksschichten getragen waren. Wir wissen von der religiösen Verfassung Israels zu wenig, um hier zu konkreteren Vorstellungen gelangen zu können. Das ist um so bedauerlicher, weil die soziologische Verfassung des religiösen Lebens für den Zusammenhang der allgemeinen sozialen Verhältnisse und der religiösen Ideenentwicklung ausschlaggebend wichtig ist, wichtig freilich mehr für die Durchsetzung als für die Bildung der religiösen Ideen. Auf die letztere haben die sozialen Zustände mehr einen indirekten als einen direkten Einfluß. Entscheidend ist in noch höherem Maße als Weber selbst annimmt, der immanente Zusammenhang des religiösen Bewußtseins. Die religiöse Entwicklung des vorexilischen Israel vollendet sich in seinen großen Propheten. Der Gesichtspunkt, von dem aus Weber sie in seiner an sich glänzenden Darstellung betrachtet, ist schon dadurch bezeichnet, daß er sie in dem Kapitel über die Entstehung des jüdischen Pariavolkes behandelt. Ihm liegt vor allen an der soziologischen Wirkung des Prophetismus. Für soziologisch bedingt hält er sie insofern, als die soziale und politische Krise des damaligen Israel das zentrale Erlebnis ist, das ihrem religiösen Bewußtsein die Richtung gibt und auf das alle ihre Verkündigungen sich beziehen. Ihre Verkündigung hat durchaus politischen Charakter, aber ist rein religiös motiviert und betrachtet die politischen Vorgänge ausschließlich unter religiösem Gesichtspunkt. Außenpolitisch sind sie alles eher als Realpolitiker. Sie lehnen jede Selbsthilfe durch Bündnisse oder militärische Machtmittel ab. Sie verlangen, daß Israel sein Schicksal ganz Gott anheimstellt und sich seine Hilfe durch Unterwerfung unter sein Gebot sichert. Die Vermutung mancher neueren Forscher, daß die Propheten in politischen Be- Ziehungen zu politischen Parteien oder gar zu auswärtigen Mächten gestanden hätten, lehnt Weber energisch ab (S. 281—291). Wenn Jesaja zum Ausharren gegen Sanherib, Jeremia zur Unterwerfung unter Nebukadnezar auffordert, so ist beides gleichmäßig religiös bedingt und auch das Urteil über die fremden Mächte selbst geht ausschließlich von religiösen Maßstäben aus. Auch innenpolitisch sind die Propheten keineswegs Vertreter ,,demokratischer" Interessen oder Ideale. Sie selbst gehören großenteils vornehmen Familien an und finden, wie z. B. Jeremia, bei einzelnen mächtigen Familien Schutz und Rückhalt. Keiner von ihnen ist Demokrat in dem Sinne, daß er die Volksherrschaft verlangt oder das Volk verherrlichte. Sie halten es für selbstverständlich, daß das Volk der Leitung bedarf und machen den Großen nur den Mißbrauch ihrer Macht zum Vorwurf. Sie vertreten keine sozialpolitischen Programme, sondern verlangen nur Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegenüber den Machtlosen (S. 291—293). Der Inhalt ihrer ethischen Forderungen und ihrer religiösen Anschauungen ist keineswegs vollkommen neuartig, aber trotz aller Berührungen mit älteren Anschauungen hat ihre Religiosität als Ganzes einen mit nichts Anderem vergleichbaren Charakter. Sie gewinnt ihn unter dem Eindruck der Bedrohung der politischen