Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829932-2832716--46297-2832774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
216 Weber gerade den Leviten diese Funktion zuschreibt, erklärt sich aus seiner eigentümlichen Vorstellung von ihrer Stellung im religiösen Leben Israels. Er nimmt an, daß sie teils in Verbindung mit ihren Funktionen an den Kultstätten, teils unabhängig von jeder kultischen Betätigung eine seelsorgerische Tätigkeit ausübten, welche die wesentliche Grundlage ihres Einflusses war. Sie waren die Träger der ,,Tora“, d. h. des 'Wissens von den Forderungen, die Gott an die Angehörigen seines Bundesvolkes stellte und zugleich des Wissens von den Mitteln, eine Uebertretung dieser Gebote wieder gut zu machen und die zu befürchtende Strafe dadurch abzuwehren (S.190, 232, 250 ff). Ihre Belehrung wurde zwar auch von den Behörden, vorwiegend aber von Einzelpersonen in Anspruch genommen und besonders wandten sich an sie die unteren Volksschichten. Im Anschluß an die biblischen Bestimmungen (Num 57 und oe), die von dem Sünder ein Schuldbekenntnis vor dem Priester verlangen, vermutet Weber, daß die Leviten eine Art Beichtpraxis ausübten, und stellt sich vor, daß die verschiedenen Zusammenstellungen der göttlichen Gebote aus Sündenkatalogen entstanden sind, deren sie sich zur Befragung ihrer ,,Klienten“ bedienten (S. 255 und 259). Die Verdrängung der kultischen Vorschriften durch die ethischen, soll dann das Werk derjenigen Leviten sein, die ohne kultische Tätigkeit ausschließlich diese Seelsorge betrieben. Diese ganze Konstruktion ist von geringer Wahrscheinlichkeit. Von einer systematischen Sündenabfrägung wissen unsere Quellen nichts und ein Sündenbekenntnis kennen sie nur gegenüber dem amtierenden Priester. Bei der Verbreitung der Kultstätten über das ganze Land ist auch die Annahme einer rein seelsorgerischen" Levitenschicht sehr problematisch. Webers Konstruktion wird also zu mindesten eingreifender Umbildung bedürfen, um möglich zu sein. Wir dürfen sie um so mehr auf sich beruhen lassen, weil sie für. die Erklärung der wichtigsten Leistung, die Weber den Leviten zuschreibt, der Ethisierung der Gottesvorstellung und der Herausbildung der Gesinnungsethik, ohnehin nicht allzuviel hergibt. Die ,,seelsorgerische“ Funktion der Leviten als solche hätte, wenn nicht andere, innere Gründe mitgesprochen hätten, ebensowohl eine Verstärkung der magischen Elemente der Volksfrömmigkeit zugelassen. So zweifelhaft es aber ist, ob gerade die Leviten die religiöse Führerschicht sind, die Weber zur 'Erklärung der vorprophetischen Entwicklung braucht und ob seine Vorstellung von der Art ihrer Wirksamkeit zutrifft, so berechtigt ist sein Bestreben, eine solche Schicht ausfindig zu machen. Je mehr die einseitige Anschauung, welche die Propheten nur im Gegensatz zu der früheren Religion Israels sieht, überwunden wird und je klarer man erkennt, wie sehr sie an ältere religiöse Ideen anknüpfen konnten, ־dm so notwendiger wird es, die Träger dieser, die prophetische Religion vorbereitenden Entwicklung zu suchen. Art und Umfang ihrer Leistung, die Formung des Bildes von der Geschichte Israels, die Umgestaltung nicht nur der ethischen, sondern auch der rituellen und rechtlichen Normen .'weist daraufhin, daß sie nicht wie die Propheten isolierte Einzelpersönlichkeiten waren, sondern eine irgendwie zusammenhängende Gruppe bildeten, die — damit ist Weber durchaus im Recht -—auch das organisierte religiöse Gemeinschaftsleben be-