Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 20)
- Language
- German
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214 am leichtesten eröffnen und durch ihre soziale Lage am stärksten für sie disponiert sind. Selbst soweit geht Weber nicht ohne Einschränkung. In manchen seiner in diesem Punkte nicht ganz widerspruchsfreien Aeußerungen hebt er den Gegensatz zwischen den Idealen der religiösen Führer und der Religiosität der Plebejer hervor, die zwar in erster Reihe das Objekt der religiösen Propaganda seitens der Führer sind, ihr aber vielfachen Widerstand entgegensetzen (S. 220—1221, 238—239, 293). Wie stellt sich Weber nun im Einzelnen den Zusammenhang sozialer und religiöser Entwicklung vor? Die älteste und zugleich unmittelbarste Form dieses Zusammenhanges glaubt Weber in dem Üebergang von der kriegerischen Ethik der israelitischen Erobererstämme zu der , ,pazifistischen“ Gesinnung der Erzvätererzählungen zu erkennen, indem er die Ursache dieser Wandlung in der Entmilitarisierung und sozialen Deklassierung der kleinviehzüchtenden Hirtenstämme erblickt, deren Ideale sich in den Gestalten der Erzväter ausprägen. Die vereinzelten Züge kriegerischen und heldenhaften Wesens in den Erzvätererzählungen sollen Ueberreste einer älteren Auffassung sein, die der kriegerischen Zeit der Viehzüchterstämme angehört. Den Beginn dieser Entwicklung führt Weber bis in die vorkönigliche Zeit zurück, in der die Herabdrückung der Lage der Hirtenstämme bereits anfängt, läßt aber die Erzväter erst in der Königszeit zu Stammvätern des ganzen Israel werden (S. 57—6t). Diese Wandlung ist darum von bleibender Wichtigkeit, weil die Metökenstellung der Erzväter dem Pariavolkscharakter" des nachexilischen Israel nahe verwandt ist und darum ihre Ethik für jene spätere Zeit vorbildliche Bedeutung gewinnt. Richtig ist an der Auffassung Webers ohne Zweifel, daß in den Erzvätererzählungen ein anderer Geist weht als etwa im Buche Richter oder in den Samuel-Büchern, und der Gedanke einer soziologischen Erklärung dieses Wandels liegt sicherlich nahe. Die Kreise, die sich an Simsons Abenteuern erfreuten, werden sich die Urväter Israels nicht im Sinne unserer Erzvätererzählungen vorgestellt haben. Die Metökenlage, in der die Erzväter vorgestellt werden, hätte eine kriegerische Auffassung ihres Wesens nicht ausgeschlossen. In anderer Form zeigt sich die Abkehr von jener kriegerischen Gesinnung auch in den späteren Büchern des Peutateuchs, die in ihren Kriegsberichten geflissentlich jede Verherrlichung der kriegerischen Leistungen Israels vermeiden. Aber gerade weil diese Erscheinung einen so weiten Umfang hat, erscheint Webers Erklärung zu eng. Auch ist es schwer vorstellbar, daß die deklassierten Hirtenstämme, deren Lage als typisch für die Viehzüchter überhaupt zu denken das von ihm selbst so oft zitierte Beispiel der Rechabiten unwahrscheinlich macht, im Stande gewesen sein sollen, ihre Auffassung von den Vorfahren Israels im ganzen Volke durchzusetzen. Schließlich spricht die ganze Haltung der Erzvätergeschichten, das Fehlen jeder polemischen Tendenz und besonders der Inhalt der den Erzvätern zu teilwerdenden Verheißungen gegen die einseitige Ableitung aus der Denkweise einer deklassierten Hirtenschicht. Der ,,pazifistische" Geist der Erzvätererzähluhgen wie des Pentateuch überhaupt ist im Wesentlichen nicht einer bestimmten wirtschaftlichen Schicht, sondern der religiösen Gesinnung der Erzähler zuzuschreiben, die