Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 11)
- Language
- German
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205 gegensätze treten vollkommen zurück gegenüber dem weit .entscheidendeten Gegensatz, in dem sie beide nach der einen Seite zu den Beduiiienstämmen der Wüste, nach der anderen Seite zu dem Patriziat der palaestinensischen Städte stehen. Diese Städte sind in der ersten Zeit nach der Einwanderung Israels bekanntlich noch in kananitischem Besitz. Der Kampf des israelitischen Bundes gegen den kananitischen Städtebund unter Sisera wird in dem Deboralied besungen. In diesem Kampf aber handelt es sich nicht nur um einen nationalen, sondern auch um einen sozialen Gegensatz. Das Patriziat der Städte will sich die freien Bauern- und Hirtenstämme Israels untertänig machen. Dieser Gegensatz bleibt darum auch bestehen, nachdem die Städte dem israelitischen Bunde eingegliedert sind, und die Gefahr für die freien Bauern Israels wird gerade jetzt noch dringlicher 1 Auch in den Bauern- und Viehzüchterstämmen gibt es soziale Differenzierungen und auch in ihnen liegt die politische Führung in der Hand bestimmter mächtiger Sippen. Allein trotz solcher Unterschiede sind doch alle Sippen politisch voll berechtigt, weil sie alle mit zum Heeresaufgebot gehören. Die städtische Organisation dagegen entspricht dem durchgehenden Typus der antiken Polis. Da&zur Stadt gehörige Territorium wird von einer stadtsässigen Herrenschicht beherrscht, die allein militärisch voll wehrhaft ist. Der Bauer bleibt zwar persönlich frei, hat aber keine aktiven politischen Rechte, und diese Pleberjerschicht ist in stets wachsender Gefahr, auch in wirtschaftliche Abhängigkeit von dem Stadtadel zu geraten. Die primäre Ursache dieser Machtverschiebung liegt nach Weber auf militärischem Gebiet. Der sich seit der Mitte des 2. Jahrtausends in der ganzen alten Welt verbreitende ritterliche Wagenkampf macht die kriegerische Ausrüstung so kostspielig, daß nur die vermögendsten Sippen zur Selbstausrüstung im Stande sind. Mit dem Vordringen dieser neuen militärischen Technik tritt an die Stelle des alten Bauernaufgebots notwendig das Ritterheer. Unter Debora und Barak hat das Bauernaufgebot die kananitische Ritterschaft geschlagen. Auf die Dauer aber ist es der neuen Kriegstechnik nicht gewachsen, in deren Gefolge sich die ,,Geschlechterpolis“ allmählich durchsetzt. An der Spitze der Stadt stehen die Aeltesten, d. h. die Vertreter bestimmter bevorzugter Geschlechter. Gelegentlich kommt es auch vor, daß einer von ihnen als priitius inter pares die Vorzugsstellung des Stadtfürsten (Nassi) inne hät, wie Chamor in Sichern (Gen 3 42). Davon ist der Fall wohl zu Unterscheiden, daß ein Kriegsfürst mit Hilfe persönlicher Gefolgschaft oder geworbener Leibgarden sich der Herrschaft bemächtigt, wie Abimelech in Sichern und in gewisser Weise später David. Allein wenn hier auch die Macht der Geschlechter zunächst gebrochen wird, kommt es auf die Dauer in der Regel doch zu einem Kompromiß. Die Entwicklung zur Polis vollendet sich mit der Entstehung des Königtums, das durchaus auch Stadtkönigtum ist, Es setzt sich zunächst in Juda durch, während sich die freien Stämme des Nordens nach Salomos Tod der Stadtherrschaft entziehen. Allein auch dort nimmt das Königtum den gleichen Charakter an und die bisher freien Bauern- und Vieh- Züchterstämme werden nun von der Hauptstadt Samaria aus beherrscht, in der die dort ansässigen Herrensippen ausschlaggebend