Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 10)
- Language
- German
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204 Struktur der israelitischen Stämme. Weber hat diese Fragen eindringend und gedankenreich analysiert und besonders die Bedeutung des Dualismus von Bauern- und Viehzüchterstämmen sehr einleuchtend entwickelt. Seine Betrachtungsweise mag an dem Beispiel der Viehzüchterstämme in Kürze erläutert werden. Er charakterisiert zunächst die Wirtschaftsweise dieser Stämme, die im wesentliehen Kleinviehd. h. Schaf- und Ziegenzucht treiben, unter Benutzung der Verhältnisse des heutigen Palaestina. Wo Boden und Klima es gestatten, haben sie örtlich fest begrenzte Weidebezirke und leben in fester Siedlung. Großenteils aber besteht die Notwendigkeit des Wechsels von Sommer- und Winterweiden, die manchmal nahe bei einander liegen, manchmal aber so weit von einander getrennt sind, daß jede feste Ansiedlung unmöglich wird und die Viehzüchter als Halbnomaden ihre Herden über weite Gebiete wegtreiben müssen. S. 11.) Aus dieser Wirtschaftsweise der Viehzüchterstämme leitet Weber eine Reihe wichtiger Eigentümlichkeiten ihrer sozialen und politischen Verfassung ab. Für die Wanderhirten ist die Großfamilie die gegebene Wirtschaftseinheit und die Sippe durch die Blutrachepflicht die Garantin der persönlichen Sicherheit. Die Bedeutung der Sippenverfasspng ist darum eine weit umfassendere als bei den Bauernstammen. Die Sippen schließen sich aus militärischen Gründen wohl auch zu Stammesverbänden zusammen, aber diese sind bei der Unstetigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse sehr labiler Natur. Die durch Wachstum der Menschenzahl und des Herdenbesitzes geforderte Teilung des Weidegebiets führt leicht zum Zerfall der Stammeseinheit.;Ebenso kann ein Verlust des Viehbesitzes infolge von militärischen Niederlagen oder von Seuchen dazu führen, daß ein Stamm sich auf löst oder seine Selbständigkeit verliert. Dadurch erklärt sich die mangelnde Festigkeit der israelitischen Viehzüchter- Stämme, die Auflösung Simons, der Abstieg Rubens, der sich in dem Wechsel der Namen Machir und Manasse offenbarende Umbildungsprozeß und ähnliches sehr ungezwungen. Mit Recht weist Weber auch auf die Konfliktsmöglichkeiten zwischen Bauern- und Viehzüchterstämmen hin, die sich einmal aus dem Vordringen der Bauernstämme in früheres Weidegebiet, dann aus dem Durchzug der Hirtenstämme durch Bauernland ergeben. (S. 44—49.) In der Ableitung der Stammeskonflikte Israels aus diesem Gegensatz wird man Weber nicht überall folgen können und wird selbst daran zweifeln können, ob er nicht in der Scheidung von Bauern- und Hirtenstämmen im Einzelnen zuversichtlicher ist als unser Wissen gestattet. Seine grundsätzliche Auffassung bleibt davon unberührt. Auch darin ist ihm sicherlich zuzustimmen, daß das Durchzugsrecht der Wanderhirten, mögen es nun Israeliten oder Gaststämme sein, durch das Bauerngebiet und evtl, auch das Recht zur Weide auf der Brache normalerweise kontraktlich geregelt war und daß vielleicht manche biblische Bestimmungen über Nachlese und über das Sabbatjahr mit diesen Verhältnissen zusammenhärigt. : Die Viehzüchter- und Bauernstämme sind die wesentlichen Bestandteile des alten israelitischen Bundes in seiner ursprünglichen Zusammensetzung. Die zwischen ihnen bestehenden Interessen-