Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Max Webers Soziologie des antiken Judentums
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
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196 nutzung der Spezialliteratur angewiesen, aber er ist bis in die Einzelheiten mit ihr vertraut und kann mit selbständiger Kritik zu ihren Ergebnissen Stellung, nehmen. Nirgends liegen die Ansatzpunkte für die soziologische Betrachtung deutlicher zu Tage als in der Entwicklung des Judentums. Die Umbildung des altisraelitischen Volkstums in die jüdische Glaubensgemeinschaft sowohl wie das tatsächliche und ideelle Fortleben des alten Volkstums in der neuen Religionsgemeinschaft mit den außerordentlich verwickelten sich daraus ergebenden Kon- Sequenzen stellen soziologische Probleme schwierigster und subtilster Art. Dasselbe gilt von der Diasporaexistenz des Judentums, die so eng sie mit dieser Entwicklung zusammenhängt, doch einen eigenen und selbständigen Tatbestand darstellt. Hier verlangt zunächst die Struktur der jüdischen Diasporagemeinschaft selbst, die Art der ihre Glieder verbindenden Einheit und die durch die Tatsache der Diaspora bedingte wirtschaftliche und soziale Um- Schichtung ihrer Angehörigen eine soziologische Analyse. Für sie wird notwendig die Wechselbeziehung zwischen jüdischem Gemeinschaftsleben und jüdischer Religiosität zum zentralen Problem. Denn wie die religiöse Entwicklung des nachexilischen Judentums ohne die grundlegende Tatsache der Diasporaexistenz nicht zu verstehen ist, so ist die Lebensform des Diasporajudentums ganz und gar religiös bedingt. Zugleich aber ist die Eingliederung der jüdischen Minoritäten in das staatliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben der umgebenden Welt zu erforschen. Auch hier handelt es sich nicht nur um die tatsächlichen Beziehungen des Judentums zu seiner Umwelt, sondern um das Bewußtsein, das auf beiden Seiten von diesen Beziehungen besteht und das für ihre tatsächliche Gestaltung ausschlaggebend wichtig ist. Daß das Schicksal des Diasporajudentums ausschlaggebend von der Stellungnahme der umgebenden Völker bestimmt ist, versteht sich von selbst. Aber nicht weniger wesentlich ist das religiöse Selbstbewußtsein des Judentums selbst für die Art, in der es sich seiner Umgebung eingliedert und gegen sie abgrenzt. Jede dieser Fragegruppen ist durch eine lange und wechselvolle Geschichte hindurch zu verfolgen, an der die Wandlungen des Judentums und die der ihm gegenüberstehenden geistigen und gesellschaftlichen Welt gleichen Anteil haben. Das alles betrifft freilich nur das nachexilische Judentum, ist aber doch nur aus der Eigenart der vorexilischen Entwicklung heraus zu verstehen, in der in der Tat schon die entscheidenden Ansatzpunkte für den Prozeß der Konfessionaliesierung des Judentums leicht auffindbar sind. So ergibt schon der Zusammenhang vor- und nachexilischer Zeit eine Reihe wesentlicher soziologischer Probleme auch für das alte Israel. . Die.interne Arbeit der jüdischen Wissenschaft hat diese Fragen, so sehr sie ihnen im einzelnen überall auf ihrem Wege begegnet, systematisch nicht behandelt. Was wir an Versuchen zu soziologischer Erkenntnis des Judentums besitzen, rührt in der Hauptsache von Vertretern anderer Disziplinen her, die durch Fragen ihres eigenen Faches zur Untersuchung jüdischer Probleme veranlaßt wurden. Naturgemäß beschränken sie sich zumeist auf bestimmte für ihre