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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 4 · p. Seite 183

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 4
Article
Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
Date
1925-01-01
Page
Seite 183 (sequence 15)
Language
German
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183 so reiche Folgerungen für den Gottesglauben angängig sind. Nicht minder wird man konstatieren, daß Reinke allzu sehr das Christentum als Repräsentanten der Religion wählt. Von der Metaphysik läßt sich, wie Driesch dartut, die besondere Art des Gottesglaubens, der man zustimmen müßte, nicht ableiten. Ob kreatorischer Theismus, der unseren großen monotheistischen Religionen entspricht, oder emanatorischer, den Driesch statt der Bezeichnung Pantheismus bei Spinoza findet, oder selbst echter Pantheismus, wie bei Bergson (Dieu se fait), das ist einer Wissensentscheidung nach Driesch nicht zugänglich1. Ich möchte glauben, daß die vorsichtig abwägende und in suspenso lassende Betrachtungsweise dem wohlverstandenen Interesse der Religion mehr dient als eine vorschnelle Zustimmung der Philosophie zu einer bestimmten Auffassung; zu leicht könnte dadurch die ganze, zu Recht geübte Annäherung diskreditiert werden. Zudem wird der Charakter der einzelnen positiven Religion von Momenten, z. B. historischen und sozialen, mitbestimmt, die ihr den Sondercharakter verleihen, aber mit der Art des philosophischen Schließens nichts gemein haben und deshalb durch sie nicht einer Entscheidung zugeführt werden können. Es muß jedenfalls erwähnt werden, daß Wundt2 nur Buddhismus und Christentum als Weltreligionen gelten läßt, nicht das Judentum, dessen Bedeutung und Einfluß auf das Christentum, der in seiner Wichtigkeit gar nicht hinwegzudenken ist, er sonst anerkennt. Es ist hier nicht möglich, gehört auch nicht zu meiner Aufgabe, eine Widerlegung dieser Auffassung zu versuchen. Die nun noch folgenden knappen Bemerkungen über das Verhältnis einiger moderner naturphilosophischer Anschauungen zur jüdischen Lehre geben keine Lösungen, sondern bezeichnen Fragestellungen und Berührungspunkte, bestenfalls die Richtung, in der die Entscheidung liegt. Das Natur־ philosophische steht nicht im Vordergrund unseres Lehrgebäudes, und so wird man in ihm keine Antworten auf zeitgenössische Probleme finden. Auch ist der Weg von Wissenschaft und Philosophie einschließlich Metaphysik einerseits und der überlieferten jüdischen Religion andererseits zu verschieden. Ueberall im freien Forschen des menschlichen Geistes soll die Induktion das System begründen, unbeschadet der Rolle, die die Deduktion auf manchem Gebiet, und das hypothetisch-deduktive Verfahren im tatsächlichen Denkprozeß nach Descartes spielt. Durch die induktive Methode und die umfassende Verwendung der Erfahrung unterscheidet sich der wissenschaftliche Weg von dem der früheren jüdischen Religionsphilosophen. Darum muß das Resultat, soweit es die höchsten Fragen angeht, in jedem Falle notwendig differieren. Denn die metaphysischen Erkenntnisse der Philosophie wollen im wesentlichen nur einen zureichenden Grund für die Gesamtheit unserer Erfahrung gewinnen und können — mit Wahrscheinlichkeit — deshalb nur Fragmente der metaphysischen Wirklichkeit gewinnen. Was noch naturbezw. seelenwirklich noch nicht erfaßt ist oder überhaupt nicht ״erscheint“, sich also jeder Erfahrung dauernd entzieht, kann nicht wissensmäßig gemeistert und deshalb nicht metaphysisch ausgewertet werden. Freilich sahen wir schon Wundt — und ähnlich ist es mit den Bemühungen anderer —, daß wir mehr als die absolute Begründung des in der Ersehe in ungs weit Erfahrbaren z. B. als den Urheber und Gesetzgeber der Sittlichkeit suchen und wollen, wenn wir die Setzung Gott vollziehen. Aber da wird alles zur F orderung und hört das einigermaßen zuverlässige Schreiten auf. Nur einige der Fragen, die heute aktuell sind und für die jüdische Lehre immer Bedeutung hatten, sollen hier, als naturphilosophisch wichtig, gestreift werden. Ein materielles גיש מאין eine Dingschöpfung, ist logisch keine Unmöglichkeit. Driesch zählt sie als denkmögliche Kausalform auf, ohne sie in der Natur verwirklicht zu finden. — Das Problem der Urzeugung ist wissenschaftlich nicht einheitlich gelöst. Daher ist das Ergriffenwerden der Materie durch die Entelechie in einem bestimmten Zeitpunkte — so könnte man den biblischen Schöpfungsakt formulieren — durchaus annehmbar, auch die polyphyletische Entstehung der Lebewesen ist nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. 1 Wirklichkeitslehre 364. 2 Nef, Phil. Wundts, S. 246 ff.

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