Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 16)
- Language
- German
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184 Die vitalistische Auffassung selbst kommt wohl religiösen Anschauungen entgegen. Ist doch das Phänomen des Lebens gerade dem naiven Denken eine Erscheinung sui generis und bekommt es doch gerade in der religiösen Weltbetrachtung einen ausgezeichneten Platz. So ist ja auch, vom Materialis״ mus abgesehen, Altertum und Mittelalter bis in die Neuzeit von einem psychischen Vitalismus durchdrungen gewesen. Ungezwungener ergeben sich aus einer vitalistischen Biologie die Beziehungen zur Ethik etc., die doch im Vordergrund hier stehen. Ueberhaupt wird durch die Stellung des Menschen im Brennpunkt des Interesses für die Religion besonders für die Gesetzes״ religion alles Unorganische sehr in den Hintergrund gedrängt. Ueber die Deszendenztheorie will ich mich hier nicht in extenso äußern. Ihre Wahrscheinlichkeit läßt sich nicht in Abrede stellen, und ich glaube auch, in einem gewissen Gegensatz zu früheren Aeußerungen, daß man nicht in Kollision zu tradierten Anschauungen gerät, wenn man, innerhalb gewisser Grenzen, sie einräumt1. Ein ernstes Problem aber ersteht der Religionsphilosophie aus dem Dualismus, der vorläufig mit einer großen Wahrscheinlichkeit das Feld behaupten wird. Wenn wir als Quelle aller Ganzheit, als ihren Seinsgrund Gott ansehen, dem über die uns erkennbaren Ganzheitsmanifestationen hinaus noch viele Züge eignen mögen, die aber der ,,Nicht-Welt“, anderen Wirklichkeitsstufen angehören, für den Zufall in jeglicher Gestalt aber die Materie verantwortlich machen, so kommt ein Riß zustande, den der religiöse Mensch nur ungern wahrnimmt. שתי רשויות, glaubt er, habe da die Wissenschaft gelehrt. Ich freilich glaube, daß dies nicht der klassische Fall von mehreren רשויות ist. Es scheint die Tendenz des Prävalierens der Ganzheit zu bestehen. Aber man könnte ja auch die Materie als geschaffen ansehen, wie oben dargelegt wurde, und hätte so keine gegebene, hinzunehmende Einschränkung der göttlichen Allmacht. Statt dessen tauchen dann aber andere religionsphilosophische, die Theodicee berührende Probleme auf, die sich mit der Frage der A11 g ü t e Gottes oder, von der anderen Seite gesehen, mit der Verantwortlichkeit des Menschen zu beschäftigen haben. Aehnliche Kollisionen schafft, wie immer man die Fragen löst, das Problem wahrer Freiheit (im Gegensatz zur Gesetzmäßigkeit). Die Philosophie läßt, jedenfalls in Drieschs Auffassung, für die Metaphysik die Frage für immer offen. Ihre Lösung im System der Religion aber ist nicht mehr Gegenstand unserer Untersuchung. Gustaf Dalmans Jesus-Jeschua. Die drei Sprachen Jesu. Jesus in der Synagoge, auf dem Berge, beim Passahmahl, am Kreuz. Leipzig, J. G. Hinrichs’sche Buchhandlung 1922, IV 222 ־+־ Seiten, 8°. Wie jede Schrift Dalmans, enthält auch das vorliegende Buch eine Fülle des Belehrenden und Interessanten. Im ersten Teil (1—34) werden die drei Sprachen, die zur Zeit der Entstehung des Christentums in Palästina mehr oder weniger gesprochen wurden —griechisch, aramäisch, hebräisch — behandelt. Der zweite Teil (35—51) bespricht den svnagogalen Gottesdienst, bezw. die Schrift- Vorlesung im letzten Jahrhundert des zweiten Tempels. Die darauf folgenden Teile, bezw. Abschnitte (III: Der Bergprediger; IV: Beim Passahmahl; V: Am Kreuz) stellen sich die Aufgabe, die evangelischen Berichte durch die zeitgenössischen hebräischen und aramäischen Quellen zu beleuchten, wobei die ganze talmudische, oft sogar die spätere rabbinische Literatur herangezogen wird. Ein Anhang (200—214) bespricht ,,Jüdische Sprichwörter und Sentenzen“ in ihrem Verhältnis zu denen in den Evangelien. Mehrere 1J Daß Darwinismus und Lamarckismus aber abzulehnen sind, ist zu unterstreichen. Der ,Darwinismus als Zufallslehre und mechanistisch, meist materialistisch gerichtete Hypothese widerspricht Grund ans chauungen jedes Theismus. Beide Theorien sind aber schon wissenschaftlich nicht haltbar, und eine Religion sollte sich nie mit überholten Theoremen belasten; beim Lamarckismus ist der Zufallscharakter nicht so in die Augen springend, aber vorhanden ist er auch. — Wichtiger noch ist hervorzuheben, daß Bergsons phylogenetische Lehre dem jüdischen Theismus nicht minder zuwiderläuft wegen des ״Dieu se fait dans la phylogenie“. Diese negativen Entscheidungen der Religionsphilosophie auf naturphilosophisehern Gebiet sind bedeutungsvoll.