Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 13)
- Language
- German
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181 Leben leben ist inniger leben als im Leben leben.״ Der Sinn des Lebens aber ist nach Bauch die ,,Richtungstendenz des geschichtlichen Geisteslebens auf das Geistesleben als das Ganze der übergeschichtlichen Aufgaben.“ Erschwert wird die Werterfüllung durch gewisse Gegensätze zwischen biologischem und Geistesleben im menschlichen Leben. Dieser Gegensatz kann als der Zusammenstoß des Tieres und der Person im Individuum gefaßt werden; eigenartig dabei ist, daß man von Schuld immer nur mit Rücksicht auf die Person sprechen kann. Aber es gibt auch Zusammenhänge; der maßgebende ist, daß das Geistesleben für unsere Erfahrung nur durch das geistige Leben, das in Personalunion mit dem Körper steht, wirklich werden kann. — Von besonderer Bedeutung wird der Wertbezug bei der Erziehung1, die eine Erziehung zu Aufgabe und Wert ist. Für das Geistesleben kommt mehr als die Individualdie Völkerpsychologie in Frage. Die Werte selbst sind von der Nation unabhängig, nicht aber das Werterlebnis und die Wertdarstellung. Daher die Bedeutung der Volksgemeinschaft. IL Schon mehrfach habe ich früher versucht2, die Bedeutung zu skizzieren, die der Naturphilosophie oder doch gewissen bedeutsamen ihrer Theorien für die Religionsphilosophie oder die Gotteserkenntnis im allgemeinen und für unsere jüdische Lehre im besonderen zukommt. Es ist ein schweres Unterfangen, auf engem Raum darüber etwas gut Gegründetes auszusagen. So will ich denn lieber Fragmentarisches geben als ein scheinbar Umfassendes, das doch nicht solide ist. Wo die Berührungspunkte zur Wissenschaft liegen, hat der Leser gewiß schon an der Auswahl der Probleme und ihrer Darstellung erkannt. — Es ist angebracht, erst, im Anschluß an die von uns besprochenen Werke, deren Ausblicke in das Gebiet der Religion zu geben und nachher noch wenige bescheidene Gedanken beizusteuern. Dabei muß auf geschichtliche Rückblicke in die jüdische Philosophie verzichtet werden, teils weil das eine Arbeit für sich wäre, teils weil der Wert solcher Untersuchung zweifelhaft ist mit Hinblick auf die Divergenz des zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen und -philosophischen Tatsachen und Begriffe. In einem summenhaft monistischen System wie dem von Ingenieros ist kein Raum für die Existenz (im metaphysischen Sinn) einer Gottheit. Zwar weiß er beredt von Idealen3 zu sprechen und mit dem ganzen tatenfrohen Optimismus des Amerikaners die künftige Stufe der Vervollkommnung als Hoffnung und Ideal zu antezipieren. Die Ideale sind nicht aphoristisch sondern auf weiter Erfahrung beruhend; sie sind Anschauungen, deren Stärke in ihrer Affektbetonung besteht. Angesichts ihrer stimulierenden Fähigkeit haben selbst Trugbilder, wie der freie Wille, für Ingenieros bedeutenden Wert. Wenn man so will, ist Ingenieros auf dieser Stufe Pragmatist. Daß Ideale als Triebfeder Wirklichkeit schaffen, hebt er auch hervor. Ich unterschätze weder die Ethik noch den Zukunftsglauben, der aus seiner Lehre spricht. Aber jeder erkennt, daß seine Einstellung nichts, hinsichtlich Herkunft der Ideale und Heiligkeit der Gefühle, mit den Lehren der Metaphysik und Religion gemeinsam hat, die insbesondere den Gottesbegriff in der einen oder anderen Form, aber nicht als Fiktion kennen. Ingenieros kann doch alles nur als Fiktion gelten lassen, ebenso wie auch bei Vaihinger4 Gott nur Fiktion ist, wie all die vielen anderen Satzungen. Nicht viel anders ist auch das Ergebnis bei den deutschen Monisten. 1 Ebd. 523. 2 Jeschurun VIII, 500 ff., IX 71 ff., VIII 168—177, 234—246 und an anderen Stellen. 3 Biol. Psychol. 316 ff. Hier sei hervorgehoben, daß Ingenieros’ Werk, dessen Grundeinstellung ich für verfehlt halte — mir scheint schon der Ausdruck: Biologische Psychologie unmöglich — viel Vortreffliches (gerade zur Psychologie) enthält. Es ist freilich reichlich unbekümmert um alles, was die kritische Philosophie zutage gefördert hat, und durch ein gewisses Draufgängertum gekennzeichnet. Wertvoll ist die Berücksichtigung der uns zum großen Teil unbekannten romanischen (insbesondere spanischen) Literatur. 4 Phil. d. Als Ob, S. 620 u. v. a. St.