Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
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179 das Entstehen des Bewußtseins ist eine biophylaktische Funktion, d. h. zum Schutz des Organismus bestimmt1. Diese monistische Auffassung dient der Klärung der psychologischen Probleme wenig. Damit aber entfällt auch das Bestrickende, das der monistisehen Lehre zunächst eignet. Man darf nach H. Poincarös2 Wort nicht die Einheit der Einfachheit zum Opfer bringen. Die Besonderheiten einer Disziplin aber vertuschen, um die Illusion eines Monismus zu erhalten, heißt der Wissenschaft einen falschen Dienst erweisen. Deshalb haben vorurteilsfreie Denker, selbst wenn sie metaphysisch nur dem Willen Wirklichkeit zuerteilten, die Psychologie als einen besonderen Seinskreis abgeteilt und die Beziehungen, die zwischen Körperlichem und Seelischem bestehen, unter Währung der Grenzen gedeutet. Nach zwei Gesichtspunkten geschah das: durch parallelistische und Wechselwirkungstheorien. Wundt3 ist als Vertreter des psychophysischen Parallelismus bekannt. Da er im rein Biologischen Mechanist ist, so wäre psycho-mechanischer Parallelismus exakter. Seelisches und körperliches Geschehen ist danach nicht in kausaler Abhängigkeit voneinander, sondern eines dem anderen zugeordnet. Ein Vitalist kann dieser Ansicht nicht zustimmen, wenn das Seelische dem materiellen Geschehen entsprechen soll. Deshalb tritt Driesch4 für einen psycho-entelechialen Parallelismus ein. — Andere aber erkennen die Wechsellehre an. Reinke5 z. B. würde eine parallelistische Lehre für ein größeres Wunder als eine grenzüberschreitende Kausalität halten. Wunderbar bleibt ihm freilich jeder Zusammenhang zwischen Seele und Leib. Doch meint Driesch, es sei in der Ordnungslehre noch nicht erlaubt, solche Verletzung der Grenze auszuüben. Wohl aber gibt es eine intrapsychische Kausalität. Wir dürfen uns nach ihm vorstellen, daß wir im Erleben gleichsam die Entelechie von ,,innen gesehen“ vor uns haben. Grundsätzlich ähnlich ist die Betrachtungsweise eines Francs in seinem Büchlein ,,Richtiges Leben“. Dieses Werk trägt den Stempel der belehrenden Tendenz, und gegen eine solche Absicht, die auf guter Kenntnis der Biologie basiert und von ausgesprochenem Darstellungstalent getragen wird, ist gewiß nichts einzuwenden. In den drei Worten: Gesetzmäßigkeit — Ausgleich — Einordnung sieht er die drei Zauberworte, deren Erkenntnis den Menschen emporhebt (man könnte mit Brod sagen: das unedle Unglück wird durch Begreifen der Gesetze von Natur und Kultur, durch Einblick in die Not- Wendigkeit von Ausgleich und Einordnung, also Ablehnung der Einseitigkeit, aufgehoben). Dabei genügt nicht das Begreifen, sondern es ist ein Handeln gemäß der Einsicht vonnöten6. — Man wird das . Buch Frances mit vielem Nutzen lesen und gewiß vielen in die Hand geben. Nur darf man sich nicht der Meinung hingeben, daß es (ich spreche nur von diesem Biosheft) für unsere wissenschaftlichen Zwecke die Bedeutung hat wie die meisten anderen der behandelten Arbeiten. — Im einzelnen möchte ich einen Satz wie den folgenden beanstanden7: ,,Wenn das Erlebnis nicht den Sinn eines Nutzens haben soll, dann ist es überflüssig, sogar schädlich, denn es nützt uns ab“. Hier tritt die pragmatische Betrachtung zu sehr in den Vordergrund. Mindestens so sehr muß es angezweifelt werden, ob die Seele, die Intelligenz nur in die Welt gekommen sind, damit die Organismen der Auslese entgehen. Ich würde diese Betrachtungsweise schon deshalb ablehnen, weil über die kausale Genese, über den Modus des Entstehens dieser Eigenschaften damit gar nichts ausgesagt wird und wir somit eine überflüssige Hypothese vor uns haben. Seit Dilthey ist die Typen lehre des Geisteslebens fesselnder Zweig der Geistes Wissenschaft und durch Jaspers, Müller-Freienfels, Spranger sowie 1 Biol. Psychol., S. 281 u. a. and. Stellen. 2 Wissenschaft u. Hvpothese, Leipzig 1906. 3 Nef, Phil. Wundts* S. 175. •. ■ 4 Phil. d. Organ. 522 u. Ordnungslehre 359 ff. 5 Naturw. etc. 59. 6 Ueber die Bedeutung Francas s. das Buch Fischers, das eine begeisterte Biographie des Menschen, Denkers und Künstlers sowie seiner gleichstrebenden Frau gibt. 7 Richtiges Leben, 3. 14. 12*