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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 4 · p. Seite 178

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 4
Article
Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
Date
1925-01-01
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 liches zum Gegenstand hat. Hier kann und soll nicht der Stand des Problems im einzelnen dargetan werden1. Die besonderen Hypothesen, der dogmatische Darwinismus , der auf natürliche Zuchtwahl und fluktuierende Variation als Ursachen der Formentwicklung ־verweist, und der dogmatische Lamarckismus , der eine aktive Stapelung zufälliger Variationen der Organismen als Basis der Transformation annimmt, versagen beide angesichts von Fällen primärer Zweckmäßigkeit, die das Experiment erschlossen hat. Sie sind Zufallstheorien, die dem wahrscheinlich vorhandenen Evolutiven nicht gerecht werden. Denn wenn auch die vorhin genannten Erklärungsversuche versagt haben, so verbleibt doch der Abstammungslehre als solcher eine große Wahrscheinlichkeit infolge der Tatsachen der Tiergeographie, der Paläontologie und der Möglich« keit einer Systematik in Tier- und Pflanzenreich, ungeachtet ihrer Mängel, endlich der sog. fremddienlichen Zweckmäßigkeit (Becher). Nur fehlt uns die Kenntnis der Faktoren, und deshalb ist der positive Wert der phylogenetischen Theorie für die Forschung noch nicht erheblich. Es muß aber gegenüber den Dogmatikern der Abstammungslehre immer wieder ihr hypothetischer Charakter betont werden, wie das auch z. B. Driesch2 und Reinke3 nicht müde werden zu tun; bewiesen ist sie nicht. Die Schwierigkeit, in Sachen der Phylogenie vorwärts zu kommen, liegt vor allem daran, daß sie ein einmaliges Geschehen ist im Gegensatz zu den vielen Fällen ontogenetischen Werdens. Philosophisch (zunächst nur naturlogisch) wäre die Stammesentwicklung allerdings sehr befriedigend, weil die Fülle der Erscheinungen geordneter würde; auch würden die Tatsachen der Fortpflanzung und Vererbung sich ihr gut einfügen. Ein besonderes Problem wird immer die Entstehung des Menschen bleiben, wie das schon Wallace gesehen hat. Neuerdings betont auch Reinke, daß der tierische Ursprung des Menschen etwas Ungewisses und zugleich Unbegreifliches bleibt, insonderheit wegen der Kluft auf geistigem Gebiet. Vieles bleibt vorläufig :im Dunkeln. Warum gibt es noch immer Einzeller? Ist eine Mono- oder Polyphylie anzunehmen? Welche Rolle spielt das Aussterben in der Phylogenie? Jedenfalls darf man vermutungshaft behaupten, daß es Ganzheitliches, echt Entwicklungshaftes in der Stammesgeschichte gibt, das in dem T y p i ־ sehen zum Ausdruck kommt, während auch Scheinentwicklung (Kumulation) sich hinzugesellt in den Sonderausprägungen. Ais überpersönliches Geschehen darf man das Ganzheitliche einer suprapersonalen Entelechie zuweisem, die sich der personalen bedient (Driesch)4. * * * Schon mehrfach ist in unseren Erörterungen die Psychologie gestreift worden. Bei manchen Autoren, nämlich den Monisten, wie Ingenieros, ist in der kontinuierlichen Linie der Entwicklung energetischer Systeme die Lehre von der Erlebtheit die unmittelbare Fortsetzung der Biologie (s. 0.); für ihn ist das Bewußtsein weder ein Synthetisierungsvermögen, noch ein Epiphänomen, sondern eine Abstraktion der Qualität gewisser biologischer Phänomene, abhängig von deren Beziehungen zur individuellen Persönlichkeit; diese Qualität ist besonderen Bedingungen der Hirntätigkeit untergeordnet und somit den allgemeinen Gesetzen der Wirklichkeit unterworfen; 1 Ich bereite eine besondere Arbeit auf diesem Gebiet vor, die anderwärts erscheinen wird. Einen sehr guten Einblick in die einschlägigen Fragen mit besonderer Berücksichtigung der philosophischen Ausdeutung gibt A. Lewkowitz in ,,Mechanismus und IdeaLismus“. I. Der Begriff des Lebens (Sepäratabdruck a. d. Jahresber. d. jüd.-theol. Semin. Fraenckelscher Stiftung 1919). Breslau 1920. Hier wird Bergsons Lehre mit einbezogen als intuitiver Erklärungsversuch des Lebens gegenüber dem mechanistischen, in Analogie zum anorganischen vollzogenen des Darwinismus und dem psychologischen des Lamarckismus. — . Der 2. Teil der Arbeit ,,Seele und Wert“ (s.0 ־. S. 61) behandelt Spencer und Wundt und ist ein Vorabdruck. Hinsichtlich Wundts darf ich auf meine obige Wiedergabe Wundtscher Ideengänge zu biologischen Fragen hinweisen. 2 Phil. d. Organ. 280, 253 ff. 3 Naturw. etc. 60 ff. 4 Ordnungslehre, S. 308.

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